Gesichter der jungen Wirtschaft: Johannes Ertelt

Johannes Ertelt vereint in seiner Arbeit Pharmazie und Unternehmertum, Weihrauch und Digitalisierung, Familienwerte und Innovation. So füllt er die Fußstapfen seiner Eltern und Großeltern auf ganz eigene Weise und beschreitet neue Wege.

Wenn man in eine Apothekerfamilie hineingeboren wird, in der schon die Großeltern Apotheker waren, welchen Berufswunsch hegt man dann als Kind? Für Johannes Ertelt ganz klar: Pyrotechniker. Und bestimmt nicht Apotheker. Johannes legt sich ins Zeug, nimmt erfolgreich an Jugend forscht teil und an der Chemie-Olympiade. Doch eines Tages, Johannes ist gerade 15 Jahre alt, passiert ein Unfall, ausgerechnet in seiner Lieblingsdisziplin Chemie. Johannes verliert zwei Finger seiner linken Hand. „Der jugendliche Berufswunsch war danach passé“, erzählt Johannes. „Ich musste vor allem meiner Mutter versprechen, dass ich die Pyrotechnik mit ihren eigenen Gefahren an den Nagel hänge.“ Solche Ereignisse seien natürlich nicht planbar, resümiert Johannes, aber immer auch ein Katalysator für persönliche und unternehmerische Entscheidungen. Heute ist er Apotheker, bereits seit 17 Jahren, und hat den zwei Apotheken seiner Eltern und Großeltern sogar noch eine dritte Filiale hinzugefügt. Und zwei spezialisierte Online-Apotheken.

Am Puls der Zeit

© Werbeagentur Neubert

Die beiden Traditionsgeschäfte unter den Ertelt-Apotheken befinden sich in Bisingen, in Sichtweite zueinander – zumindest, wenn man auf dem Dach steht. Bisingen, knapp 9.500 Einwohner, liegt am Nordrand der Schwäbischen Alb und ist: überschaubar. Doch dass die dörfliche Idylle im Herzen des Ländles nicht mit Rückständigkeit gleichzusetzen ist, kann man in den Ertelt-Apotheken jeden Tag erleben. Das fängt schon damit an, dass die beiden Bisinger Stammhäuser per Funkbrücke miteinander verbunden sind. Über die so gewonnene hohe Bandbreite laufen Datensicherungen hin und her. „So ist sichergestellt, dass alle Daten gerettet werden können – auch wenn es zum Beispiel zu einem Brand kommen sollte.“ Datensicherheit und Datenschutz? „Das Inkrafttreten der DSGVO war für uns völlig unproblematisch.“ Die Ertelt-Apotheken arbeiten schon seit Jahren weitestgehend papierlos. Die cloudbasierte Zeiterfassung und die digitale Buchhaltung gehören schon seit Jahren zum Standard. „Wir sind nicht nur am Puls der Zeit, sondern in manchen Dingen sogar ein bisschen darüber hinaus“, erzählt Johannes lachend.  

Mehr als das Normalmaß

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Und diese Ausrichtung hat sich nicht zuletzt in der Corona- Krise bezahlt gemacht. Alle Mitarbeiter, alle Abläufe standen bereits auf digitalen Füßen. Alle Standorte sind miteinander vernetzt, per Fernzugriff können Mitarbeiter bei kniffligen Fällen unterstützt werden. Zusätzlich wurden und werden auch digitale und automatisierte Dienste für die Kunden implementiert. Kein Wunder also, dass die Ertelt-Apotheken vor einem Jahr mit dem „Zukunftspreis Handel Baden-Württemberg 2019“ ausgezeichnet wurden. „Wir sehen natürlich auch zu, dass wir Kunden zurückholen, die wir an den klassischen Apotheken-Versandhandel verloren haben“, sagt Johannes. Für ihn sind die digitalen Werkzeuge wichtig, aber sie dienen einem übergeordneten Zweck: Nah am Menschen zu sein. „Wir sind persönlich, erlebbar und verbindlich.“ 

Das Besondere an den Ertelt-Apotheken ist die Beratung, die weit über das Standard-Maß hinausgeht. „Wir sehen unsere Aufgabe nicht nur darin, Kopfschmerztabletten zu verkaufen. Wir haben schon immer nach individuellen, speziellen Lösungen für Menschen gesucht und interessieren uns daher insbesondere auch für die individuellen Ursachen.“ Johannes und seine 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellen auch selbst Produkte, teils nach alten Familienrezepturen her. Für Johannes völlig logisch, schließlich sei die Herstellung etwa von Salben, Lösungen, Kapseln und Zäpfchen seit jeher klassische pharmazeutische Urkompetenz. Genau diese Kompetenz hat sich auch während der Corona- Pandemie bezahlt gemacht. Die plötzlich gestiegene Nachfrage, etwa nach Desinfektionsmittel, konnte regional – und in Echtzeit – aufgefangen werden. Auch wichtige Medikamente, die nicht lieferbar waren, haben Johannes und sein Team selbst hergestellt. „Wir konnten immer in Lösungen antworten“, verweist der Apotheker sichtbar stolz auf die Leistung seines Teams.

Zuverlässig und verbindlich

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Die Verbindung von Tradition und Innovation wird auch noch auf einem weiteren Gebiet sichtbar: Gemeinsam mit seinem Vater hat Johannes auch die AureliaSan GmbH gegründet, ein Forschungsunternehmen, das als ein klassisches Start-Up angefangen hat. Johannes ist hier auch Geschäftsführer. Gemeinsam mit Universitäten wird die Heilpflanze Weihrauch erforscht. Und aus den Ergebnissen werden wiederum Produkte entwickelt, die online in der Weihrauch-Apotheke erworben werden können. „Durch unsere unterschiedlichen Tätigkeitsfelder sind wir auch für neue Mitarbeiter interessant, das ist in so einer ländlichen Region natürlich nicht unerheblich“, sagt Johannes. 

Als Apotheker müsse man auch unternehmerisch denken, sagt Johannes: „Wir sind in einer gesunden Balance zwischen Heilberuf und Kaufmann – als persönlich haftender Unternehmer steht für mich jedoch immer das Wohle des Menschen im Vordergrund und nicht, wie bei großen Marktplayern, die Aktienkurse, Marktanteile oder Dividenden für die Anleger.“ Das gelinge nur, wenn man für Kunden und für das Team gleichermaßen als verlässlicher Partner agiere. „Eine Besonderheit unserer Apotheken ist, dass wir nur natürliche Fluktuation in der Mitarbeiterschaft haben, zum Beispiel aufgrund von Schwangerschaft oder Umzug. Wir hatten schon Betriebszugehörigkeiten von fast 50 Jahren. So etwas geht nur, wenn man zuverlässig und verbindlich ist. Wenn das gesprochene Wort gilt – wie es ja auch bei den Wirtschaftsjunioren gelebt wird.“ 

Verändert, seit Johannes und seine Frau die Führung der Apotheken übernommen haben, hat sich vor allem der Führungsstil. „Wir sind alle per du, wir legen mehr Wert auf psychologische Aspekte in der Führungsarbeit. Die Kommunikation mit dem Team ist intensiver und weniger hierarchisch.“ Was es bedeutet, selbstständig zu sein, hat Johannes schon früh als Kind selbst erlebt: „Meine Eltern hatten wenig Freizeit, waren aber immer für uns da, wenn es darauf ankam. Jede Freiheit in der Selbstständigkeit ist hart erarbeitet und unterliegt permanenter Verantwortung.“

Politik in Berlin und Bisingen

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Zu den Wirtschaftsjunioren wäre er gerne noch früher gekommen, bedauert Johannes. Sein Highlight: die Teilnahmen am Know-how-Transfer, abwechselnd bei Annette Widmann- Mauz und bei Thomas Bareiß. Johannes ist selbst politisch engagiert. Seit 2014 ist er Mitglied im Gemeinderat, er ist sogar Stellvertretender Bürgermeister von Bisingen. Da ist ein Einblick in die Bundespolitik doppelt interessant. Der KHT, Verbandsaktivitäten und persönliche Kontakte gehören für Johannes auch zu seinen „bewussten Ausbrüchen in die Großstadt“, die er regelmäßig einlegt. Nach einer Woche in der Hauptstadt freue er sich dann aber wieder sehr auf die Heimat. 

Bisingen und die Familie Ertelt, das muss echte Liebe sein. Die Familie hält zusammen und fängt viel auf. Während des Lockdowns, erzählt Johannes, waren seine Kinder über Wochen bei seiner Schwester. Durch die kurzen Distanzen sind in Bisingen alle nah beieinander, mit dem Fahrrad ist Johannes in zwei Minuten bei der Arbeit, in zehn Minuten im Wald und in einer halben Stunde auf der Alb. „Ich habe hier alles, was ich brauche.“ Das einzige, was ihn nervt, ist der Stau auf der B 27 von und nach Stuttgart. Aber da muss er zum Glück nicht ständig hin.