WJ verbindet – auch in der Not

Es ist der 14. Juli 2021, 16.00 Uhr. Seit Tagen regnet es – wie immer wieder in den letzten Wochen. Niemand hätte damit gerechnet, dass sich in wenigen Minuten die Ahr, ein normalerweise kleiner und beschaulicher Fluss, den man im Sommer sogar an manchen Stellen durchwaten kann, in einen reißenden Strom verwandeln würde. In einen Strom, der einen idyllischen Landstrich binnen von Sekunden in ein Katastrophengebiet verwandelt.

Noch einige Tage zuvor posten die Mitglieder der WJ Rhein-Ahr eine Einladung zu einem exklusiven Weinberggespräch mit Ministerin Daniela Schmitt. Die Posts der darauffolgenden Wochen sollten komplett andere Inhalte haben. Die Flutkatastrophe, bei der über 140 Menschen und unzählige Tiere ihr Leben verloren, wurde zur „Stunde Null“ für die Region, in der die WJ Rhein-Ahr angesiedelt sind. Viele Menschen verloren alles, darunter viele Mitglieder der Wirtschaftsjunioren. Dass der Slogan „WJ verbindet“ keine hohle Phrase ist, durften sie alle in den kommenden Wochen erfahren.

Jacqueline Edgü-Mihm sprach mit Kirsten Müller, stellv. Kreissprecherin Wirtschaftsjunioren (WJ Rhein-Ahr).

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Seit Wochen funktionieren Deine Vorstandskollegen Yvonne Berndt-Breuer, Andreas Breuer, Natalie Beckmann, Sebastian Jonas der WJ Rhein-Ahr und Du im „Steh-auf-Männchen-Modus“. Es gilt, die von vielen deutschen WJ-Kreisen ankommenden Hilfstransporte und Helfer zu koordinieren und täglich selbst mit anzupacken. Es muss eine Katastrophe ungeahnter Größe mit kühlem Kopf bewältigt werden – Stück für Stück. Eine Bewältigung, die gewiss noch viele Monate dauern wird, bis wieder ein normaler Alltag lebbar sein wird. Wie hast Du die Flut und ihre Folgen erlebt?

Am Tag der Flut feierten wir unser WJ-Sommerfest, ein verregnetes Sommerfest. Allerdings hätten wir nie erahnt, in welcher Gefahr auch wir uns schon befanden. Das Fest fand in Kempenich auf der Höhe des Ahrtales statt. Zu diesem Zeitpunkt war bereits die Verbindung zur Autobahn unterspült, und so mussten viele ins Ahrtal hinunterfahren, um überhaupt nach Hause zu kommen. Hätten wir uns nicht spontan entschieden, das Sommerfest abzubrechen, um heim zu fahren, so hätten wir das wahrscheinlich gar nicht mehr geschafft. Denen, die ins Ahrtal zurückfuhren, war die Gefahr noch gar nicht bewusst, in der sie sich befanden.

Fast niemand wurde von der Flutkatastrophe verschont. Es entstand spontan eine WhatsApp-Helfergruppe und dann ging es los! Mit Koordinatoren in jedem Ort sind wir seither gut organisiert. Mittlerweile sind die WJ´ler ein fester Bestandteil der Versorgungskette geworden.

Die Flut hat vieles zerstört: Krankenhäuser und fast alle Schulen in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Menschen leben in Notunterkünften. Viele Betroffene sind traumatisiert, man hört, dass einige die Region für immer verlassen wollen.

In all der schrecklichen Zeit gib es auch Lichtblicke. Was bedeutet für Dich dieser Tage der Slogan „WJ verbindet“?

Wir sind überwältig von der Hilfsbereitschaft, die uns durch Wirtschaftsjunioren aus ganz Deutschland zuteilwurde. In der Krise hält man zusammen, da ist es egal, wo eine Landesgrenze verläuft. Dafür sind wir zutiefst dankbar. Gerne möchte ich exemplarisch einige Aktionen und Kreise erwähnen – wohl wissend, dass dies nur einen kleinen Ausschnitt dieser Hilfsbereitschaft aufzeigen kann. Unser stellvertretender Bundesvorsitzender Marcus Plättner war sofort da. Er hatte die Flutkatastrophe der vergangenen Jahre in Ostdeutschland selbst miterlebt und wusste, wie wichtig und notwendig schnelles Handeln ist. WJ‘ler des Landesverbands Sachsen und Sachsen-Anhalt waren bereits aktiv, Hilfe und Spenden zu einer Zeit zu organisieren, als wir in der Rhein-Ahr-Region noch unter Schock standen. Der Verein Jot Hätz der WJ Köln sammelt Spenden für die Hochwassergebiete in Nordrhein-Westphalen und Rheinland-Pfalz. Viele weitere WJ-Kreise helfen tatkräftig. Die WJ Köln und auch WJ Wuppertal und WJ-Kreise im bergischen Land, die teilweise selbst betroffen sind, helfen, so wie auch die WJ Saarland, die uns ununterbrochen mit besten Waren versorgen. Mit WJ Köln planen wir gerade für die besonders leidtragenden Kinder in unserer Region einen Besuch im Kölner Zoo. Danke auch an WJ Bayern, WJ Thüringen, WJ Berlin-Brandenburg. Der Landesverband Baden-Württemberg organisierte Geldspenden und tatkräftige Menschen, die etwa vom Bodensee und Göppingen kommen und vor Ort helfen. Wie all den bisher genannten Kreisen danken wir auch zutiefst der WJ‘lern aus dem Hanseraum, wie etwa den WJ Emsland-Grafschaft Bentheim, die unfassbare zehntausende Liter Diesel in unsere Region transportierten. Der wird unter anderem für die unermüdlich arbeitenden Bagger der freiwilligen Helfer gebraucht. 

WJ Hessen ist auch sehr aktiv im Bereich Sachspenden und stellte dringend benötigte Waschmaschinen zur Verfügung. Auch aus unserem eigenen Landesverband wurde uns viel Hilfe zuteil: Ob von WJ Mittelrhein, WJ Eifel, WJ Idar-Oberstein oder Bad Kreuznach. Vielfältig sind sie helfend aktiv, es werden Mittagessen gespendet und verteilt und Sachspenden geschickt. WJ Südpfalz übernahm sogar Patenschaften für betroffene Familien in Dernau und unterstützt diese. Und auch die Senatorenvereinigung hat uns mit Geldspenden geholfen. Es ist einfach unglaublich, was uns und unserer Region hier an Unterstützung zuteilwurde. „WJ verbindet“, das ist so wahr!

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Nun sind seit der Flut bereits einige Wochen vergangen. Wochen, in denen glücklicherweise intensiv daran gearbeitet werden konnte, wieder etwas Normalität herzustellen. Wie läuft das große Aufräumen aktuell?

Uns ist aufgefallen, dass jetzt eine Art von „Helfer-Müdigkeit“ eingetreten ist. Aktuell haben wir nicht mehr die Massen von Helfern vor Ort, aber immer noch jede Menge zu tun! Deshalb unser Appell an alle, denen es möglich ist, vor Ort zu helfen: Wir brauchen jede helfende Hand – meldet Euch einfach unter WJ_RheinAhr@t-online! Aus der Sicht von heute wird der Wiederaufbau unserer Region noch viele Monate dauern. Es gilt noch viele Keller und Häuser von Schlamm zu befreien. Estrich und Putz müssen herausgestemmt werden. Es gibt noch so viel zu tun. Wir freuen uns über jede helfende Hand. Aktuelles ist ständig über unseren Facebook-Auftritt von WJ Rhein-Ahr zu erfahren. Es ist ein wunderbares Gefühl, so viel Solidarität zu erfahren.
 

Solidarität ist ein gutes Stichwort. Aktuell läuft eine #solidAhritäts Aktion: Ihr designed und produziert selbst T-Shirts mit #solidAHRitäts-Slogan. Eine tolle Idee.

Ja, und das Geld geht sogar zu 100 Prozent an die Flutopfer! Mehr kann man unter www.solidahritaets.shop erfahren, dort spenden oder im angegliederten Shop T-Shirts und Hoodies mit verschiedenen Designs, auch mit WJ-Logo kaufen.
 

Danke für den Einblick. Hoffen wir weiterhin auf kontinuierliche Hilfe in Form von Human Power und finanzieller Unterstützung!