Welche Lehren ziehen Sie aus der aktuellen Energiekrise? 

Kriege wie im Iran oder der Ukraine wirken sich unmittelbar auf Rohstoffmärkte und unsere Energieversorgung aus. Deutschland braucht eine Strategie für mehr Resilienz und Sicherheit. Welche Maßnahmen müssen jetzt auf den Weg gebracht werden? Das haben wir die energiepolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und Bündnis 90/Die Grünen gefragt. 

Resilienz als zentrales Prinzip

Die aktuelle Energiekrise hat einmal mehr deutlich gemacht: Spannungen entlang von Transportwegen, geopolitische Konflikte oder der Ausfall einzelner Lieferanten können innerhalb kürzester Zeit gravierende wirtschaftliche Folgen haben. Ob auf die Preise an den Energie- und Rohstoffmärkten oder als Konsequenz hinsichtlich der Stabilität ganzer Lieferketten. 

Deshalb muss Resilienz ein zentrales Prinzip unserer Energie- und Rohstoffpolitik sein. Das wichtigste Instrument dafür ist Diversifizierung. Das bedeutet: mehr Bezugsquellen, mehr unterschiedliche Energieträger, mehr regionale Vielfalt und eine Infrastruktur, die es ermöglicht, Ausfälle einzelner Lieferanten schnell zu kompensieren. 

Ebenso gehören langfristige Lieferverträge dazu. Wer seinen Energiebedarf überwiegend kurzfristig über Spotmärkte deckt, macht sich unnötig anfällig für Preissprünge und Krisen. Auch bei den Transportwegen gilt: Sicherheit hat ihren Preis, ist aber eine Investition in die Stabilität unseres Wirtschaftsstandorts. 

Die erneuerbaren Energien leisten jetzt schon einen wichtigen Beitrag zur Diversifizierung. Jede Kilowattstunde Strom aus Wind, Sonne, heimischer Biomasse oder Wasserkraft reduziert den Bedarf an importierten fossilen Energieträgern. Gleichzeitig sollten hier keine falschen Erwartungen geweckt werden: Deutschland deckt noch immer rund 78 Prozent seines Primärenergieverbrauchs aus fossilen Energieträgern. Bei den meisten Industriestaaten ist diese Zahl ähnlich, in Frankreich aufgrund der Nutzung der Kernkraft etwas niedriger. 

Deshalb wäre die Behauptung, bestehende Importabhängigkeiten ließen sich allein durch einen beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien kurzfristig beseitigen, nicht realistisch. Der Umbau der Energiesysteme ist eine Generationenaufgabe. 

Dasselbe gilt für die Versorgung mit kritischen Rohstoffen. Ob Batterien, Halbleiter oder Windkraftanlagen – sie alle benötigen Rohstoffe, deren Förderung heute häufig auf wenige Staaten konzentriert ist. Deshalb ist es richtig, strategische Partnerschaften auszubauen, Recycling voranzutreiben und mit Instrumenten wie dem Rohstofffonds gezielt den Zugang zu kritischen Rohstoffen abzusichern. 

Die Koalition hat beispielsweise einen Rohstofffonds dazu aufgesetzt und finanziell entsprechend ausgestattet. Ebenso wird im Sinne der Kreislaufwirtschaft investiert und unterstützt. 

Gleichzeitig kann der Staat nicht jede Krise dauerhaft abfedern, obwohl er durchaus gezielt entlasten sollte. Deshalb müssen wir unsere Energie- und Rohstoffversorgung so aufstellen, dass sie möglichst widerstandsfähig gegenüber externen Schocks aufgestellt ist. Wohlwissend, dass es eine 100-prozentige Absicherung nicht geben kann.  

Fossile Fesseln werden zum Standortrisiko 

Die Auswirkungen der Energiekrise lassen sich an zwei Zahlen sehr plastisch abbilden. In den ersten 40 Tagen des Irankriegs hat Europa rund 22 Milliarden Euro mehr für den Import von fossiler Energie gezahlt. Ohne einen Tropfen mehr Öl oder Gas zu importieren. 

Während an den Zapfsäulen immer neue Rekorde gebrochen wurden, ist der Strompreis sehr stabil geblieben. Die Erneuerbaren liefern. Zwar drückt der Gaspreis auf den Strompreis, doch sind die Effekte wesentlich verzögert und geringer. 

Wer ein neues Auto kauft, rechnet dieser Tage sehr spitz und fährt elektrisch günstiger. Wer eine neue Anlage plant oder eine alte ersetzen muss, steht vor der gleichen Frage. Für viele ist es nicht vorstellbar, doch Deutschland ist geringer elektrifiziert als die USA. Wir sind noch bei zu vielen Anwendungen auf Verbrennung von teurem Öl und Gas abhängig. 

Es mag nach Sonntagsrede klingen, doch wer es durchrechnet, muss zustimmen: Jedes E-Auto, jede Wärmepumpe, ja jede E-Kettensäge ist im Betrieb sinnvoller als die „alten“ Verbrenner. 

Die Regierung ist hier leider keine Hilfe für Industrie und Mittelstand. Ministerin Reiche warnt immer wieder vor Sprit- und Kerosinmangel. Doch sie handelt nicht. Vielmehr bremst sie Solaranlagen, Netzausbau und Windenergie. Sie lässt teure Gasheizungen länger im Markt. Damit ist sie eine gute Partnerin der Gaswirtschaft, jedoch bleiben Unternehmen mit berechtigten Sorgen um Energiepreise und Zukunft auf der Strecke. Hier fehlen Impulse und Planungssicherheit für alle. 

Derweil beginnt die Inflation zu steigen, weil die Preisschocks in der Breite ankommen. Wo Menschen immer mehr Geld für Alltägliches, vor allem Energie, ausgeben müssen, fehlt das Geld für privaten Konsum. Das spürt der Mittelstand unmittelbar. Fehlende Entlastungen sind dabei noch gar nicht eingepreist. 

An diesem Punkt wird der Kurs von Schwarz-Rot zum Standortrisiko. Deutschland muss Kurs halten beim Ausstieg aus den Fossilen. Das hält Wertschöpfung in Europa. Es hält Mittel in Europa, die nicht in die Kassen von Trumps LNG-Buddys oder Diktatoren fließen. 

Wir müssen schneller werden. Neben dem Ausbau von Wind- und Solarenergie sowie den Netzen braucht es auch mehr Speicher. Am Ende geht es um harte Industriepolitik: Gegen Kerosinmangel und hohe Preise hilft langfristig eine eigene Produktion von grünen Flugtreibstoffen. Raffinerien, Chemieindustrie und Stahl brauchen alle günstige Strompreise. 

Wir brauchen jetzt Entlastungen, wie die lang versprochene Senkung der Stromsteuer. Die E-Autoförderung wäre rein elektrisch zielführender, und mehr Tempo in der Wärmewende käme durch eine Abwrackprämie für alte Öl- und Gasheizungen. 

Wenn wir jetzt losgehen, kommen wir rasch weg von teurem und unsicherem Öl und Gas. Angesichts der anhaltenden Krise am Golf und den neuen Abhängigkeiten bei fossiler Energie ist dies der nötige, mutige Schritt nach vorn. Hier darf unser Industrieland den Anschluss nicht verpassen. 

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