Frauengesundheit zahlt sich für alle aus

Frauen machen die Hälfte der Bevölkerung aus, doch ihre Gesundheit wurde in
der medizinischen Forschung lange vernachlässigt. Die Folgen sind gravierend: Fehldiagnosen, längere Krankheitsphasen und eine schlechtere Versorgung. Diesen Gender Health Gap möchte Bundesforschungsministerin Dorothee Bär schließen. Im Interview erklärt sie, warum Frauengesundheit mehr als ein Gleichstellungsthema ist, wie die Medizin der Zukunft aussieht und welche Rolle KI und die junge Wirtschaft spielen.

© BMFTR/ Hans-Joachim Rickel

Liebe Frau Bär, Deutschland diskutiert aktuell intensiv über die Zukunft unseres Gesundheitssystems. Das Wissenschaftsjahr 2026 steht passend dazu unter dem Motto „Medizin der Zukunft“. Wie stellen Sie sich diese vor?


Die Medizin von morgen beginnt be­ reits heute. Das machen wir mit dem Wissenschaftsjahr 2026 sichtbar. Die spannenden Formate und Mitmach­ aktionen des Wissenschaftsjahres erklären, woran Forscherinnen und For­ scher heute arbeiten, um unser Gesund­ heitssystem besser zu machen – von der Prävention bis zur Pflege, beispielsweise, wie Künstliche Intelligenz oder Biotech­ nologie dazu beitragen, Krankheiten früher zu erkennen und neue Therapien zu entwickeln.


Damit Prävention, personalisierte Medizin und Künstliche Intelligenz ihr Potenzial entfalten können, braucht es hochwertige Gesundheitsdaten. Wo steht Deutschland hier im internationalen Vergleich?


Deutschland verfügt über eine ex­zellente Forschungslandschaft mit star­ken Netzwerken wie der Medizininfor­matik-­Initiative und dem Netzwerk Universitätsmedizin. Gleichwohl gilt es, Forschungsergebnisse schneller in kon­krete Innovationen zu überführen. Da­für sind hochwertige, sicher nutzbare Gesundheitsdaten entscheidend. Wir arbeiten daher gezielt an einer besse­ ren Datenbasis für Forschung und Ge­sundheitsversorgung. Beispielsweise fördern wir In-silico-Methoden, also computergestützte Modellierungen, um riesige Datenmengen auszuwerten und Krankheitsverläufe immer besser zu verstehen.


Gesundheitsdaten sind enorm wichtig, gleichzeitig aber auch sehr sensibel. Wie gelingt der Spagat zwischen Datenschutz, Datensouveränität und einer innovationsfreundlichen Nutzung von Daten für Forschung, Versorgung und neue Geschäftsmodelle?


Wir schaffen bessere Rahmenbedin­gungen, beispielsweise damit Künst­liche Intelligenz Ärztinnen und Ärzte unterstützen kann. Durch gezielte Förderrichtlinien für innovative Daten­analysen stellen wir sicher, dass Pa-
tientendaten nicht nur gesammelt, sondern sinnvoll, ethisch reflektiert und daten­ schutzkonform für die Gesundheitsfor­schung genutzt werden. So verbinden wir Innovation mit Patientenwohl. Das medizinische Fachpersonal bleibt dabei in der Verantwortung.


Ein Schwerpunkt des Wissen- schaftsjahres ist die geschlechtersensible Medizin. In den vergangenen Jahren ist der Gender Data Gap stärker in den Fokus gerückt und damit auch der Ruf nach einer besseren medizinischen Versorgung von Frauen. Sie setzen sich selbst sichtbar für Frauengesund-
heit ein. Was treibt Sie dabei persönlich an?


In Gesprächen erfahre ich immer wieder, wie wenig gesellschaftliches Verständnis für Frauengesundheit es derzeit gibt. Viele Frauen fühlen sich mit ihren Erfahrungen allein gelassen. Bei­spielsweise sind die Wechseljahre nach wie vor ein Tabuthema. Wichtig ist mir, klarzumachen, dass sich Frauengesund­heit für alle auszahlt. Das World Econo­mic Forum hat 2024 ausgerechnet, dass wir eine Billion Dollar Wachstum welt weit generieren könnten, wenn wir die geschlechterspezifischen Datenlücken, den Gender Health Gap, schließen.


Und was planen Sie konkret, damit geschlechtersensible Forschung künftig nicht die Ausnahme bleibt?


Wir stellen rund zwölf Millionen Euro bereit, um Projekte zu fördern, die den Gender Data Gap schließen. Zusätzlich gibt es zehn Millionen Euro für die För­derrichtlinie zur geschlechtersensiblen Krebsforschung, die in der Forschungs­community großen Anklang fand. Wei­terhin stellen wir für die Fördermaß­nahme „Innovative Datenanalysen für Frauengesundheit und geschlechtersen­sible Medizin“ bis zu 14 Millionen Euro bereit. Das sind nur einige Beispiele der vielfältigen Aktivitäten und Förderungen zur Stärkung der geschlechtersensiblen Medizin in meinem Haus.


Forschung allein verändert die Versorgung noch nicht. Es braucht auch Unternehmen, die neue Erkenntnisse in Produkte und Anwendungen übersetzen. Welche Rolle kommt der jungen Wirtschaft dabei zu?


Wir haben Forschungseinrichtungen von Weltrang. Wir wollen nun von der Forschungsspitze wieder an die Wettbe­ werbsspitze. Mit der Hightech Agenda Deutschland, der HTAD, hat die Bundes­ regierung im Juli 2025 dafür den Start­ schuss gegeben: Wir investieren ver­ stärkt in Zukunftstechnologien, schaffen bessere Rahmenbedingungen und An­ reize, um schneller von der Forschung in die Anwendung und in konkrete Pro­ dukte zu kommen. Dazu leistet auch die junge Wirtschaft mit ihren Start­ups und Spin-offs einen wichtigen Beitrag.


Viele junge Unternehmer:innen sehen in HealthTech, FemTech oder KI-gestützter Diagnostik enorme Chancen – wirtschaftlich und als Beitrag zum gesellschaftlichen Fortschritt. Trotzdem entstehen die großen Gesundheitsplattformen oft außerhalb Europas. Was muss sich ändern, damit aus deutscher Spitzenforschung deutlich mehr erfolgreiche Start-ups und Spin-offs entstehen?


Dafür müssen wir die gesamte Transferkette stärken – von der Idee über die Markteinführung bis zur Skalierung. Mit unserer neuen Transferinitiative F.A.S.T., Forschung, Ausgründungen, Skalierung, Transfer, wollen wir vielversprechen­ de Forschungsergebnisse schneller, unbürokratischer und wirksamer in marktfähige Innovationen überführen – und damit auch aussichtsreichen Start­ ups den Weg bereiten. Wir müssen zu­ dem in der Wissenschaft das Bewusst­sein für die Bedeutung von Transfer weiter schärfen und die Rahmenbedin­gungen, etwa in Bezug auf geistiges Ei­gentum, verbessern. Und es braucht mehr privates Kapital. Dafür stärken wir den Venture­-Capital-­Standort Deutsch­land und machen Investitionen in Start­ ups und Scale­ups attraktiver. Insbe­sondere Start­ups aus dem Gesund­heitsbereich benötigen wegen langer Entwicklungs­- und Zulassungszeiten deutlich höhere und längerfristige Inves­titionen als viele andere Gründungen.


Angenommen, wir treffen uns zehn Jahre nach dem Wissenschaftsjahr 2026 noch einmal zum Interview. Welche Visionen sollten bis dahin Wirklichkeit geworden sein?

Bei der Biotechnologie haben wir uns in der HTAD ehrgeizige Zeithorizonte von weniger als zehn Jahren gesetzt: Schon 2028 soll die erste mRNA­Krebsimmun­ therapie zugelassen sein. Bis 2030 wollen wir innovative Medizintechnik verfüg­ bar haben, die gezielt die Gesundheit von Frauen verbessert. Ich bin sicher, in zehn Jahren wird Künstliche Intelligenz Ärztinnen und Ärzte bei Bild­, Labor­ und Früherkennungsanalysen unter­
stützen und personalisierte Therapien werden auf individuellen Daten basieren. Und ich hoffe, die geschlechtersensible Medizin wird kein Randthema mehr sein.

Vielen Dank für das Gespräch.

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