Jetzt mal konkret
In der Reihe „Jetzt mal konkret!“ geben Expert:innen aus den IHKs praktische Einblicke zu aktuellen Themen. Diesmal beantwortet Christian Hirsch von der IHK Würzburg- Schweinfurt die Frage: „Exportgeschäft im Krisenmodus: Wie können Unternehmen auf Sanktionen, Zölle und politische Umbrüche reagieren?“
Die goldenen Zeiten des freien Welthandels scheinen vorerst vorbei. Was jahrzehntelang als selbstverständlich galt – offene Märkte, kalkulierbare Handelsbeziehungen, verlässliche Lieferketten – steht heute unter massivem Druck. Für exportorientierte Unternehmen in Deutschland bedeutet das: umdenken, anpassen, handeln.
Die neue Realität im Außenhandel
Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache: US-Zölle auf europäische Waren, Sanktionsregime gegen wichtige Handelspartner, geopolitische Spannungen von der Ukraine bis Taiwan – die Liste der Handelshemmnisse wächst. Für den deutschen Mittelstand, der traditionell stark vom Export lebt, ist das mehr als ein konjunkturelles Ärgernis. Es ist eine strukturelle Herausforderung.
Ein Befund, der durch die jüngst veröffentlichte Unternehmensumfrage „Going International 2026“ der DIHK bestätigt wird. Demnach berichten 69 % der befragten Unternehmen von zunehmenden Hemmnissen im internationalen Geschäft – ein Anstieg um 11 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr. Zum Vergleich: Im Jahr 2016, also vor einem Jahrzehnt, sahen sich lediglich 35 % der Unternehmen mit entsprechenden Einschränkungen konfrontiert. Besonders belastend wirken derzeit gestiegene Zölle, immer komplexere lokale Zertifizierungsanforderungen sowie verschärfte Sicherheitsauflagen, die den Außenhandel spürbar erschweren.
Besonders hart trifft es jene, die sich auf wenige Absatzmärkte konzentriert haben. Wer den Großteil seines Umsatzes nur in einem einzigen Land erwirtschaftet, sitzt auf einem Pulverfass. Ein neuer Zoll, eine verschärfte Sanktion, ein politischer Kurswechsel – und das Geschäftsmodell gerät ins Wanken.
Diversifikation als Überlebensstrategie
Der wichtigste Hebel liegt in der geografischen Streuung der eigenen Märkte. Unternehmen, die heute noch nicht in Südostasien, Lateinamerika oder Afrika aktiv sind, sollten diese Märkte ernsthaft prüfen. Ja, der Markteintritt kostet Zeit und Geld. Ja, kulturelle Unterschiede und regulatorische Hürden sind real. Aber die Alternative – vollständige Abhängigkeit von etablierten Märkten – ist riskanter geworden. Es geht nicht darum, bestehende Kunden beziehungen aufzugeben. Es geht darum, das Portfolio zu erweitern. Parallele Vertriebsstrukturen und Absatzmärkte sollten nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung und Absicherung verstanden werden.
Compliance als Wettbewerbsvorteil
Die Komplexität der Sanktionsund Exportkontrollregime hat ein Niveau erreicht, das ohne professionelle Strukturen kaum noch zu bewältigen ist. Was früher eine Aufgabe für die Rechtsabteilung nebenbei war, erfordert heute spezialisiertes Know-how.
Unternehmen, die einen verstärkten Fokus darauf legen, gewinnen doppelt: Sie vermeiden teure Verstöße und Reputationsschäden und sie signalisieren internationalen Partnern Verlässlichkeit. Eine saubere ComplianceStruktur wird zum Verkaufsargument. Kundschaft und Lieferanten weltweit achten zunehmend darauf, mit wem sie Geschäfte machen.
Konkret heißt das: regelmäßige Schulungen für Mitarbeitende im Vertrieb und Einkauf, automatisierte Prüfung von Geschäftspartnern gegen Sanktionslisten, klare Prozesse für kritische Transaktionen.
Lieferketten neu denken
Die Pandemie hat es gezeigt, die geopolitischen Verwerfungen bestätigen es: Just-in-Time-Lieferungen aus einer einzigen Quelle sind ein Auslaufmodell. Unternehmen brauchen Redundanz in ihren Lieferketten – mehrere Zulieferer, idealerweise aus unterschiedlichen Regionen.
Das verursacht höhere Kosten, keine Frage. Aber diese Kosten sind eine Versicherungsprämie gegen Lieferausfälle. Wer im Ernstfall weiter produzieren kann, während die Konkurrenz stillsteht, ist im Vorteil und gewinnt Marktanteile.
Auch die Lagerhaltung verdient eine Neubewertung. Die radikale Minimierung von Beständen, lange Zeit als Effizienzgebot gepriesen, erweist sich in Krisenzeiten als Schwäche. Strategische Puffer bei kritischen Komponenten bei einer smarten Lagerhaltung können den Unterschied machen.
Netzwerke nutzen, Informationen teilen
Kein Unternehmen muss diese Herausforderungen allein bewältigen. Die Industrieund Handelskammern, besonders mit ihren Außenwirtschaftsausschüssen, aber auch Netzwerke wie die Wirtschaftsjunioren, bieten Plattformen für Austausch und gegenseitige Unterstützung.
Besonders wertvoll sind Kontakte zu Unternehmen, die bereits in neuen Märkten aktiv sind. Welche Fallstricke gibt es? Welche Partner sind zuverlässig? Welche regulatorischen Besonderheiten muss man kennen? Unternehmen sollten nicht das Rad neu erfinden, denn wer von den Erfahrungen anderer lernt, spart Zeit und Lehrgeld.
Fazit: Handeln statt Abwarten
Das Exportgeschäft befindet sich in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Die Zeit planbarer Rahmenbedingungen und stabiler Handelsbeziehungen ist vorerst vorbei. Für exportorientierte Unternehmen bedeutet das, gewohnte Denkmuster zu verlassen und internationale Aktivitäten neu zu bewerten.
Wer die aktuellen Entwicklungen lediglich als vorübergehende Krise betrachtet und auf eine Rückkehr alter Normalität hofft, riskiert, den Anschluss zu verlieren. Eine strategische Diversifikation reduziert Abhängigkeiten, professionelle Compliance-Strukturen schaffen Sicherheit und Vertrauen, resiliente Lieferketten sichern die eigene Handlungsfähigkeit.
Starke Institutionen und tragfähige Netzwerke wie die Wirtschaftsjunioren können helfen, die neuen Gegeben heiten erfolgreich anzupacken. Das Exportgeschäft ist komplexer geworden, aber nicht chancenlos. Entscheidend ist, jetzt die richtigen Weichen zu stellen.
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