„Normalisiert, dass Erfolge meist auch eng mit Tiefschlägen zusammenhängen.“

Liebe Wirtschaftsjuniorinnen und Wirtschaftsjunioren,
es gibt diese Nächte, da liegt man wach und rechnet zum hun dertsten Mal dieselben Zahlen durch. Ein Kunde springt ab. Ein Auftrag verschiebt sich. Eine wichtige Entscheidung steht an. Und obwohl alle um einen herum glauben, dass es läuft, fragt man sich selbst, ob man eigentlich noch auf dem richtigen Kurs ist.
Unternehmertum fühlt sich manchmal genauso an, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Leider gibt es gerade unter Männern eine große Furcht, sich zu öffnen und über Zweifel, Druck und Fehler zu sprechen. Mit verheerenden Folgen, wie Studien belegen: Die Suizidrate von Männern liegt um ein Vielfaches höher als bei Frauen. Auch Unternehmerinnen und Unternehmer haben grundsätzlich, insbesondere in wirt schaftlich schwierigen Zeiten, ein erhöhtes Suizidrisiko. Viele investieren so viel Zeit, Geld und Leidenschaft in ihr Unterneh men, dass es zum Teil ihrer Identität wird. Wenn dann das Vor haben scheitert, geht es nicht nur finanziell ums Überleben.
Sich um die eigene Gesundheit zu kümmern, auch die mentale, sollte im Idealfall also nicht erst dann beginnen, wenn schon Ärztinnen und Ärzte ins Spiel kommen. „Vorsorge statt Nachsorge“, so der Themenschwerpunkt dieser Ausgabe, zielt auch darauf ab. In den Artikeln geht es um die Fragen, wie wir mit Druck umgehen, welche Rolle wir als Führungskräf te gegenüber unseren Teams haben, warum wir anders über chronische Krankheiten sprechen sollten und weshalb die Krankschreibung ab dem ersten Tag laut wissenschaftlichen Untersuchungen keinen Sinn ergibt. Außerdem beleuch tet diese Ausgabe, wie KI bereits heute Früherkennung und Diagnostik verbessert.
Mein Wunsch ist, dass Euch diese „Junge Wirtschaft“ neue Impulse liefert und wir unser vielzitiertes „belastbares Netz werk“ wortwörtlich nehmen. Lasst uns für Mitglieder da sein, die in ihrer Rolle als Unternehmerin, Unternehmer oder Füh rungskraft an die Grenze des Belastbaren geraten. Lasst sie wissen, dass sie auch in schwierigen Zeiten auf das Netzwerk zählen können. Wie das konkret gelingen kann? Kommt zu den Stammtischen und achtet aufeinander. Besucht unsere Fuck-up-Formate und sprecht offen über Eure eigenen Her ausforderungen und Rückschläge. Normalisiert, dass Erfolge meist auch eng mit Tiefschlägen zusammenhängen. Ihr wer det an den Reaktionen sehen, dass Ihr mit Euren Erfahrungen nicht allein seid. Zugleich macht Ihr anderen Mut, auch über Probleme zu sprechen und stoppt damit vielleicht die Abwärts spirale, in der ein Mitglied gerade steckt. Und bitte schaut auf Eure Gesundheit genauso aufmerksam wie auf Eure KPIs.
Mit herzlichen Grüßen
Euer
Heiko Kösling
Bundesvorsitzender der Wirtschaftsjunioren Deutschland
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