„Unternehmertum ist eine Teamleistung“
Lucas Faust baut aus einer Notlage ein Unternehmen auf, das alter IT ein zweites Leben schenkt. Sein Weg erzählt von Mobbing und Rückschlägen, ungewöhnlichen Chancen und der Kraft, weiterzumachen, wenn der Lebenslauf alles andere als geradlinig verläuft.

Lucas Faust hat die perfekte Gründergeschichte: Mit 20 Jahren baut er aus dem Nichts ein Unternehmen auf, das ausgediente IT vor der Verschrottung bewahrt. Heute beschäftigt seine rbit GmbH in Neuwied 13 Mitarbeitende. Ein Wachstumsunternehmen, ein Beitrag zur Kreislaufwirtschaft, ein junger
Geschäftsführer mit Haltung. Das ist alles richtig. Aber es ist nur die halbe Wahrheit.
Am Anfang stehen ein verlorener Ausbildungsplatz, ein überzogenes Konto und die Fra- ge, wie es weitergehen soll. „Ich musste Geld verdienen. Meine Motivation war Geld“, sagt Lucas gegenüber der Jungen Wirtschaft. Das Gespräch dreht sich um vieles, was im Gründungsnarrativ oft kei- nen Platz findet: Mobbing, Angst, Fehlentscheidungen, neue Anläufe – aber auch um Menschen, die im richtigen Moment den entscheiden- den Unterschied machen.
Wenn Schule zum täglichen Kampf wird
Lucas verließ die Realschule plus mit einem Hauptschulab- schluss und einem Notendurchschnitt von 3,4. Dass er den Abschluss erhielt, verdankte er einer Lehrerin, die sich in der Klassenkonferenz für ihn einsetzte. Seine Noten erzählten von massivem Mobbing, Schlägereien und häufigen Schulwechseln. Irgendwann wurden die Bedrohung und die Angst so groß, dass er nur noch selten zum Unterricht ging. Im letzten Schuljahr sammelte er nach eigener Erinnerung 120 unentschuldigte Fehltage bei 240 Schultagen.
Zugleich entwickelte er früh einen eigenen Zugang zum Lernen. Computer faszinierten ihn seit seiner Kindheit.
Mit 15 betrieb er gemeinsam mit einem Freund Server für eine Gaming-Community. Weil sie mehr Leistung brauchten, mieteten sie größere Kapazitäten und verkauften einen Teil davon weiter. Gewinn machte ihre erste GbR nicht, Erfahrungen brachte sie reichlich. Die beiden lernten, wie Technik funktioniert, wie Preise entstehen und wie schnell Kund:innen für wenige Cent zur Konkurrenz wechseln.
Nach der Schule schrieb Lucas 70 oder 80 Bewerbungen. Ein IT- Unternehmer gab ihm trotz schlechter Noten die Chance auf ein Praktikum. Aus zwei Wochen wurden drei Monate, an seinem 18. Geburtstag lag ein Ausbildungs- vertrag auf dem Tisch. Lucas war „ultra glücklich“. Doch sieben un- entschuldigte Fehltage in der Berufsschule holten ihn ein. Wäh- rend einer Erkrankung kündigte ihm der Betrieb fristlos. Es folgten ein Rechtsstreit, eine vergebliche Suche nach finanzieller Unterstüt- zung und unzählige Promotionjobs, „um über die Runden zu kommen“.
Der erste Deal beginnt ohne Kapital
Den Wendepunkt brachte ein Fund auf ebay-Kleinanzeigen. Lucas entdeckte einen Server, dessen Angebotspreis deutlich unter dem Betrag lag, den ein Händler zahlen würde. Er brach- te Käufer und Verkäufer auf einem Parkplatz zusammen. Der Käufer testete die Ware und brachte Bargeld mit. Lucas behielt seine Marge, reichte den Rest weiter und verdiente 1.000 Euro.
„Und dann hatte ich plötzlich 1.000 Euro aus Luft verdient. Mit diesem ersten Geschäft fing es richtig an.“ Aus einzelnen Deals wurde ein Handel mit Arbeitsspeichern, Prozessoren und Servern. Erst lagerte die Ware in einer Garage, später in einer unbeheizten Doppelgarage. Dann folgte die erste richtige Halle. Ein Freund wurde zum ersten Mitarbeiter. Das Unternehmen wuchs, doch auch jetzt trafen ihn immer wieder Rückschläge.
Als beispielsweise der Preis für Arbeitsspeicher fiel, steckte fast sein gesamtes Kapital in Ware. Mit viel Glück und Vertrauensvorschuss kaufte ihm ein Kunde den kompletten Be stand ab. Später verschwand ein Mitarbeiter mit einem Liefer wagen und 6.000 Euro. Nach einem Hallenwechsel begann die Coronapandemie. Acht Wochen passierte nichts. Dann explo dierte die Nachfrage nach IT und die Umsätze stiegen endlich wieder. Doch Lucas wollte nicht länger von Einkaufspreisen und Lagerbeständen abhängig sein.
Ein Geschäftsmodell auf Augenhöhe
Die entscheidende Veränderung begann mit der Zusammenar beit mit einem Hostingunternehmen. Lucas erhielt den Auftrag, den Verkauf ausrangierter Technik abzuwickeln. Aus dem eher zufälligen Geschäft wurde sein neues Geschäftsmodell. Heute übernimmt die rbit GmbH gebrauchte IT von Unternehmen, prüft sie, bereitet sie auf und verkauft sie weiter. Die Erlöse wer den geteilt. Kund:innen müssen sich dafür nicht um Vermark tung, Logistik und Dokumentation kümmern. Beide Seiten pro fitieren von einem guten Verkaufspreis. Lucas schätzt Transpa renz, Ehrlichkeit und das überschaubare finanzielle Risiko bei diesem Ansatz. „Ich will heute lieber ein kleines Stück vom Kuchen, aber dafür von vielen Kuchen ein Stückchen bekommen“, sagt er.
Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit sind für Lucas wichtige Themen und Kern seines Geschäftsmodells. Umso mehr überrascht seine Aussage: „Meiner Meinung nach funktioniert Kreislaufwirtschaft nicht.“ Er erklärt dies mit der Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Solange neue Technik günstiger ist als gebrauchte, fehlt oft der wirtschaftliche Anreiz, ältere Technik wieder für den Gebrauch aufzubereiten. Er selbst erlebte, wie ein Unternehmen IT im geschätz ten Wert von 150.000 Euro aufgrund von Daten schutzbedenken entsorgen ließ, obwohl nur ein kleiner Teil Datenträger enthielt.
Der Rest hätte weiterverwendet werden können. „In den Geräten stecken seltene Rohstoffe, aufwendige Lieferketten und viel Energie – sie auf den Müll zu schmeißen, ist Ressourcenverschwendung.“ Er wünscht sich von der Politik, dass sie ihre Lenkungswirkung nutzt und sinnvolle Regelungen beispielsweise für Abschreibungen schafft.
Menschen sind keine Zeugnisse
Wie Lucas sein Unternehmen führt, ist durch seine eigene Biografie geprägt. Bei Bewerbungen interessieren ihn weniger Noten oder geradlinige Lebensläufe. „Ich gucke, wie Bewer ber:innen reden, wie sie denken und wie sie sich während eines Praktikums verhalten.“ Eine gelernte Bäckereifachverkäuferin entpuppt sich als ausgezeichnete Produktfotografin. Ein ruhiger Student braucht manchmal länger, liefert dafür Ergebnisse, die Lucas als „120 Prozent“ beschreibt.
Bei den Wirtschaftsjunioren erlebt Lucas, dass Menschen ihm gegenüber aufgeschlossen sind und ihm die Hand reichen. 2019 begegne te er dem Verband erstmals bei einem Startup Event. Während der Pandemie verlor er ihn aus den Augen, später wurde er bei einer Messe wie der auf ihn aufmerksam. Kurz darauf wurde er Mitglied der Wirtschaftsjunioren Mittelrhein. Der damalige Kreissprecher motivierte ihn, WJTrainings und WJAkademien zu besuchen. „Ich habe in meinem ersten WJJahr mehr gelernt als während fünf Jahren SoloSelbstständigkeit“, sagt Lucas. Heute ist er selbst Kreissprecher und engagiert sich auf Bundesebene für ITThemen. Im Juni 2026 wurde Lucas beim Tag der jun gen Wirtschaft als einer der „4×4 unter 40“ in der Kategorie „Unternehmerische Mobilität“
ausgezeichnet, als Anerkennung für seinen Aufstieg entgegen allen Hürden. Danach schrieb Lucas eine Liste mit rund 40 Men schen, bei denen er sich bedanken wollte. „Keiner macht das alleine“, sagt er. „Unternehmertum ist Teamsport.“
Lucas’ Empfehlung für alle, die Führungskraft sind und überlegen, sich selbständig zu machen: „Überlege dir, was das absolute WorstCaseSzenario ist, falls du scheitern solltest. Wenn das Risiko überschaubar ist und du bereit bist, es einzu gehen: Dann mach’s doch einfach.“
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