Gesunde Führung schlägt jeden Obstkorb

Wer Mitarbeitende halten, motivieren und stärken will, muss Gesundheit als Teil der Unternehmenskultur verstehen. Äpfel und Bananen sind zwar eine nette Geste, verhindern aber keine Überlastung, ersetzen keine klare Kommunikation und lösen auch keine Konflikte im Team. Vier Wirtschaftsjunior:innen zeigen, worauf es im Führungsalltag ankommt.

Die stärkste Botschaft einer Führungskraft ist ihr eigenes Verhalten

Vera Neumann (37)
HR-Beratung, Interim Management und Business Coaching
WJ Stade

Mitarbeitende orientieren sich weniger an Leitbildern als an dem, was ihre Führungskraft vorlebt. Wer krank arbeitet, jede Überstunde selbstverständlich hinnimmt und nie Grenzen setzt, sendet eine klare Botschaft: So muss Leistung bei uns aussehen.

Als HR-Beraterin bekomme ich oft genug mit, welche Folgen dieses Verhalten leise und dennoch spürbar nach sich zieht: Mit- arbeitende melden sich später krank, verschweigen Überlastung oder trauen sich nicht, ihre persönliche Situation anzusprechen. Sie glauben, funktionieren zu müssen. Authentische Führung bedeutet für mich deshalb, auch Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Wer sich Pausen erlaubt, Grenzen setzt und offen zeigt, dass auch eine Führungskraft nicht immer alles leisten kann, schafft Vertrauen.

Mitarbeitende trauen sich, frühzeitig das Gespräch zu suchen. Sie sprechen an, wenn die Betreuung eines Kindes schwierig wird, Angehörige Pflege brauchen oder die eigene Kraft gerade nicht ausreicht. Sie fühlen sich nicht nur als Arbeitskraft gesehen, sondern als Mensch mit einer eigenen Lebensrealität.
Genau das verändert die Zusammenarbeit. Probleme werden früher sichtbar, Gespräche ehrlicher und gemeinsame Lösungen schneller möglich. Mitarbeitende bringen sich ein, über- nehmen Verantwortung und bleiben dem Unternehmen verbunden, weil sie spüren: Ich darf hier gute Arbeit leisten, ohne mich selbst dabei zu verlieren.

Gesunde Führung bedeutet deshalb nicht, weniger zu erwarten. Sie schafft die Grundlage dafür, dass Menschen langfristig gesund, motiviert und leistungsfähig bleiben.

© Annika Meissner

Jennifer Moseler (36)

Beraterin für HR, Führung und Karriere
WJD-Trainerin
WJ Saarland

„Privates hat auf der Arbeit nichts verloren.“ Das denken viele, und trotzdem kennen wir es alle: Wer schlecht geschlafen hat, weil ein Elternteil pflegebedürftig geworden ist, ist nicht so belastbar wie sonst. Eltern sind mit den Gedanken bei ihrem kranken Kind oder müssen häufiger mit ihm zum Arzt. Wer diese Realität anerkennt, kann sie in der Führung nutzen. Sie bindet gute Mitarbeitende stärker als jeder andere Benefit.


Drei Dinge helfen dabei:

  1. Die Beobachtung vertraulich ansprechen und echtes Interesse zeigen: „Mir ist aufgefallen, dass du in Meetings stiller bist als sonst. Ich will nicht bohren, aber ist irgendwas passiert?“
  2. Über mögliche Entlastung gemeinsam entscheiden: „Melde dich, wenn was ist“ führt selten zu einer Meldung. Ein Vorschlag schon: „Ich könnte dich vier Wochen aus dem Projekt nehmen. Wäre das eine Entlastung für dich?“ Wer über den Kopf des anderen hinweg entlastet, nimmt ihm Kontrolle.
  3. Befristen und das Team ins Boot nehmen: Sonderregelungen ohne Enddatum belasten irgendwann das Team. Ein Überprüfungstermin schützt beide Seiten. Gibt es Auswirkungen auf das Team, sprich sie an. Meiner Erfahrung nach trägt das Team das mit, wenn der Zusammenhalt stimmt. Was geteilt werden darf, entscheiden immer die Mitarbeitenden selbst.
  4. Ein weiterer Vorteil einer vertrauensvollen Kommunikation: Frühzeitig sichtbare Belastungen führen seltener zu langen Ausfällen. Und Teams, die offen über Kapazität sprechen, verteilen Arbeit realistischer. Am Ende ist es ein Geben und Nehmen. Wer erlebt, dass der Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin in einer schwierigen Phase zu einem steht, wird selbst auch zum Unternehmen stehen, wenn es dort einmal eng wird. Es lohnt sich, menschlich zu führen.

Diversity und Gesundheit gehören zusammen

© Tobias Fröhner

Florian Smarsly (34)

Inhaber Van Smars Coaching
WJ Göppingen

Einer der größten blinden Flecken im betrieblichen Gesundheitsmanagement? Dass wir häufig über Stress sprechen, jedoch viel zu selten über Zugehörigkeit. Nicht jede Belastung ist sichtbar. Manche beginnt lange bevor jemand erschöpft ist, nämlich in dem Moment, in dem Menschen glauben, sie müssten erst dazugehören, bevor sie sie selbst sein können.

Wer täglich darüber nachdenkt, wie viel der eigenen Persönlichkeit – soziale Herkunft, Religionszugehörigkeit, sexuelle Orientierung, geschlechtliche Identität und vieles mehr – am Arbeitsplatz sichtbar sein darf, startet nie mit 100  Prozent der verfügbaren Energie. Nicht die Arbeit kostet dann am meisten Kraft, sondern das ständige Anpassen. Gesunde Führung bedeutet deshalb auch, eine Kultur der Akzeptanz zu schaffen, die den Mitarbeitenden vermittelt, dass ihre Unterschiedlichkeit ein Gewinn ist. Wo niemand Energie dafür auf bringen muss, dazuzugehören.

Wenn es gelingt, dass sie sich im Arbeitskontext sicher fühlen, erleben sie weniger psychische Belastung und bringen ihre Stärken sowie Perspektiven selbstbewusster ein. Auch Unter- nehmen profitieren langfristig: Wenn Teams vertrauensvoll zusammenarbeiten, verschiedene Erfahrungen und Blickwinkel zusammenbringen und das Beste aus sich herausholen, entsteht nachweislich ein Umfeld für Innovation und Produktivität. Eine Win-win-Situation. Zugehörigkeit und psychologische Sicherheit sind somit ein entscheidender Gesundheitsfaktor. Und Diversity eine Frage unternehmerischer Verantwortung statt politischer Haltung.

Echte Fehlerkultur etablieren

© Silke Brenne

Sonja Sidoroff (40)

Expertin für mentale Gesundheit, Selbstführung und Kommunikation
WJ Saarland

Eine gesunde Fehlerkultur ist ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Wo Mitarbeitende Fehler aus Angst vor Konsequenzen verschweigen, werden aus kleinen Problemen schnell kostspielige Risiken. Werden sie dagegen frühzeitig angesprochen, können Ursachen erkannt, Prozesse verbessert und Folgeschäden vermieden werden.

Eine offene Fehlerkultur beginnt bei den Führungskräften. Sie schaffen den Rahmen, in dem Mitarbeitende Verantwortung übernehmen und sich trauen, Probleme offen anzusprechen. Voraussetzung dafür sind Vertrauen, Wertschätzung und ein lösungsorientierter Umgang mit Fehlern statt Schuldzuweisungen.

Fehler sind dabei nicht automatisch Ausdruck von Versagen. Sie liefern häufig wertvolle Hinweise darauf, wo Abläufe, Kommunikation oder Strukturen verbessert werden können. Außerdem gilt: Nicht jeder Fehler ist gleich. Die Hintergründe müssen differenziert betrachtet werden, insbesondere dann, wenn hohe Arbeitsbelastung oder dauerhaftes Arbeiten am Limit Fehler begünstigen.

Grundsätzlich schafft eine gesunde Fehlerkultur ein Arbeitsumfeld, das psychische Belastungen und Stress deutlich reduziert und Leistungsfähigkeit erhält. Unternehmen, die Fehler als Chance verstehen, stärken damit nicht nur die Eigenverantwortung und den Zusammenhalt, sondern letztendlich ihren nachhaltigen Erfolg.

Weiter Beiträge zum Thema