Mein Helper’s High hat kein Verfallsdatum

Das Gefühl, etwas bewirken zu können, motiviert nachhaltiger als jeder kurzfristige Erfolg. Davon berichten Mitglieder in dieser Rubrik. Mit ihren Erfahrungsberichten beschreiben sie, wie sie sich für andere engagieren und den Helper’s-High-Moment – das Hochgefühl durch soziales Engagement – erleben. Dieses Mal schildert Jan Jonas Kunz, wie aus einem bewegenden Appell, internationalem Engagement und vielen kleinen Aktionen ein neuer Ort der Begegnung entstand – und ein Gefühl der Dankbarkeit, das bis heute nachwirkt.

Wir schreiben den 22. Februar 2023. Ich sitze beim Herings­essen meines WJ-Kreises Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern. Unser Kreissprecher erteilt Wirtschaftsjunior Ömer Özbekler das Wort. Er steht auf, und was er sagt, initiiert ein Projekt, das sämtliche Grenzen meines bisherigen Engagements sprengt.

Aus Betroffenheit wird Aktion
Ömer saß damals rechts von mir und berichtete ohne Um­schweife von dem schrecklichen Erdbeben in der Türkei 16 Tage zuvor. Er machte aus seinem Schmerz keinen Hehl, zeigte sich maximal verletzlich, und seine Erzählungen rührten uns alle zu Tränen. Aber der Schmerz war nicht der Abschluss seiner Erzählungen, er appellierte an uns als Kreis, Teil der Lösung zu werden. Und so wurde noch am selben Abend überlegt, wie es weitergehen könnte. Wir waren uns einig, dass wir nicht bloß Geld in das Erdbebengebiet schicken wollten.

Schnell formierte sich ein Team aus Mitgliedern des Landes­ und Bundesvorstands, den National Presidents aus Deutsch­land und der Türkei sowie weiteren Mitgliedern beider Länder. Schon nach 14 Tagen erfolgte der Projektstart. Zusammen de­finierten wir das ambitionierte Ziel, ein Jugendzentrum in der Region Hatay zu erbauen. Ich sage ja immer: „Think big, klein wird’s von selbst.“ Und so war es auch hier. Nur, dass das Pro­jekt einfach nicht klein zu kriegen war. In kürzester Zeit stampf­ten wir eine Website auf Deutsch und Englisch sowie eine Spendenaktion aus dem Boden.
Angelehnt an den Bauprozess hatten wir die Idee, symbo­lisch Ziegelsteine zu verkaufen. Diese konnten für 1.250 Euro erworben werden. Zusätzlich entwickelten wir einen Pin, den man für 50 Euro erstehen konnte. Dieser wurde von unseren Hanauer Mitgliedern bundesweit auf zahlreichen Konferenzen angeboten.

Ganz besonders aktiv waren wir natürlich auf der hessischen Landeskonferenz 2023 in Kassel, wo wir mit gebrandeten T­-Shirts über unsere Pläne sprachen und einen hohen Absatz an Pins verzeichneten. Ein besonderes Highlight war in die­sem Zusammenhang der Gala-Abend. Bei der Lako 2018 in Ha­nau wurde eine selbst bemalte Leinwand für den guten Zweck versteigert – und ging nach Kassel. 2023 wurde sie also erneut versteigert. Es kam genau der Betrag zusammen, mit dem der neue Eigentümer auch noch einen Ziegelstein für das „Defne Belediyesi JCI Türkiye Gençlik Merkezi“ beisteuern konnte.
Den Zuspruch aus dem gesamten Bundesgebiet zu bekom­men, hat uns als Team sehr zusammengeschweißt. Hürden nahmen wir dadurch kaum wahr. Natürlich sind wir nicht bei jedem Besuch auf offene Ohren gestoßen. Die wirtschaftliche Gesamtsituation oder individuelle unternehmerische Heraus­forderungen waren die häufigsten Absagegründe. Das Wich­tigste war, dass wir uns davon nicht haben unterkriegen lassen.

Aufbau eines Jugendzentrums
Am Ende kamen allein in unserem Kreis mehr als 70.000 Euro zusammen. Aus der internationalen JCI­-Gemeinschaft beteiligten sich auch JCI Netherlands und JCI Japan an dem Projekt.

Dank Ömers Kontakten vor Ort und seiner Sprachkenntnisse blieben wir immer auf dem neuesten Stand, wie der Aufbau in Hatay voranschritt. In den letzten drei Jahren hielt er immer die Verbindung, war mehrfach vor Ort und blieb hartnäckig, um dieses Projekt zum Abschluss zu bringen. Er hat einen großen Anteil daran, dass im Oktober 2024 schließlich der offizielle Spatenstich stattfand und im Frühjahr 2026 endlich die lang ersehnte Nachricht kam, dass das Jugendzentrum in diesem Jahr eröffnen würde. Mir war sofort klar, dass ich mir das nicht würde entgehen lassen. Ömer und ich buchten uns einen Flug für Mitte Mai.

Vorher fand allerdings noch die Europakonferenz in Málaga statt. Eigentlich wäre das nur eine Randnotiz gewesen, in diesem Fall jedoch nicht. Kurz vor der Eröffnung traf ich auf der Europa­konferenz in Málaga Beren aus Istanbul. Als wir Pins tauschten, erzählte ich ihm von unserem Projekt. Zu meiner Überraschung kannte er es bereits und berichtete, dass das gesamte National Board von JCI Türkiye zur Eröffnung nach Hatay reisen würde. In diesem Moment wurde mir bewusst, welche Bedeutung das Projekt mittlerweile weit über Deutschland hinaus hatte. Das kam völlig unerwartet und trieb mir Tränen in die Augen. Mir wurde auch bewusst, dass sich hier bereits die nächste außer­gewöhnliche WJ­-Geschichte anbahnte. Ich verriet, dass ich auch bereits ein Flugticket hatte.

Und so flogen Ömer und ich Mitte Mai zur Eröffnung des Zentrums nach Hatay. Wir reisten schon ein paar Tage früher an, wodurch ich die Gelegenheit hatte, die Region, das Ausmaß der Zerstörung, den Aufbau und die ungebrochene Gastfreund­schaft vor Ort persönlich zu erleben. Und nicht nur das. Ömer machte wieder „Ömer-Dinge“. Ich sage nur fördern und fordern. Er hätte die besten Argumente gehabt, selbst ein paar Worte zur Eröffnung zu sagen, aber irgendwie fädelte er es ein, dass ich es war, der am Ende auf der Bühne stand und einen, vielleicht den ergreifendsten WJ­-Moment meiner bisherigen Verbands­karriere, durchlebte.

Bewegende Eröffnung
Ömer sagte mir erst am Vorabend der Eröffnung Bescheid, dass ich die Festrede halten würde. Viel Vorbereitungszeit blieb mir also nicht. Er meinte, ich hätte die Chance, hier etwas wie „I have a dream“ zu platzieren. Und hängte die Messlatte damit un­glaublich hoch. Ich habe die halbe Nacht an der Rede geschrie­ben und mich erst schlafengelegt, als ich das Gefühl hatte, dass meine Worte weder übergriffig noch zu optimistisch oder an­maßend waren.
Auf dem Grundstück des Jugendzentrums traf ich am kom­menden Vormittag tatsächlich wieder auf Beren. Schon da Wiedersehen war ein unglaubliches Glücksgefühl.

Ich teilte mit ihm meine Sorge, dass nur wenige meine englische Rede verstehen würden. Er sprach mir gut zu, und meinte, dass das schon klappen wür­de. Als ich schließlich auf die Bühne gerufen wurde, entschied er sich spontan, und völlig selbstlos, mich zu begleiten und zu übersetzen.
Ich hatte die richtigen Worte gefunden. Teilweise lagen wir uns während der Rede in den Armen, weinten zusammen; das Publikum tat es uns gleich. Und so haben wir gemein­sam diesen neuen Ort eröffnet, der künftig jungen Menschen Raum für Begegnung, Austausch und Entwicklung bieten soll. Den Zuspruch und die Dankbarkeit, die mir im Anschluss zu­teil wurden, lassen sich kaum in Worte fassen und werden für immer in meinen Erinnerungen fortleben.

Beim Sommerfest der WJ Hessen auf der GUDE LAKO 2026 in Hanau, durfte ich bei der Aufnahme Ömers in den Kreis der JCI­ Senator:innen die Laudatio halten. Dabei wurde mir noch einmal bewusst, wie sehr sein Engagement mich ge prägt hat. Die richtigen Worte zu finden, war erneut eine große emotionale Herausforderung, die ich vor allem auch dank seiner Unterstützung in den vergangenen Jahren meistern konnte.

Wir können Teil der Lösung sein
Und so lade ich jedes Mitglied ein, ähnlich groß wie wir in Ha­ nau zu denken, kühn zu handeln und die Räume zu nutzen, die WJ und JCI aufmachen. Lass dich nicht von vermeintlichen Grenzen limitieren. Geh raus und verschiebe sie – jetzt und heute. Es geht immer ein Stückchen weiter als beim letzten Mal – immer! Und ich verspreche dir, wenn du diese neuen Freiheiten nutzt und Herausforderungen annimmst, wirst du ein Teil der Lösung sein. Komm gern nach Hatay und überzeuge dich selbst vor Ort davon.

Auf seinem Instagram-Kanal @eiszeitt nimmt Dich Jan Jonas Kunz (4. v.l.) mit nach Hatay.
In den Highlights findest Du seine Storys.

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