Aufstieg ohne Startkapital: Aurelia Zirner im Gespräch
Wirtschaftsjuniorin Aurelia Zirner hat 2021 ohne eigenes Startkapital den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Heute führt sie die Mensch Next Big Thing GmbH mit zwölf Mitarbeitenden. Ihr Weg führte sie aus der Wissenschaft über eine Beratungsagentur in die eigene Agentur.
Als Aurelia Zirner nach Jahren in der Wissenschaft spürt, wie groß die Distanz zwischen Forschung und Wirtschaft ist, entsteht in ihr ein Gedanke, der später zur Grundlage ihrer Gründung wird: Erkenntnisse aus der Wissenschaft müssen noch viel stärker Eingang in die Industrie finden und vice versa. Während ihrer ersten beruflichen Station außerhalb der Universität bei einer Beratungsagentur erkennt sie, dass sie komplexe Zusammenhänge verständlich machen und Menschen miteinander verbinden kann. Diese Fähigkeit, Brücken zu bauen, bildet das Fundament ihres Aufstiegs als Unternehmerin.
Junge Wirtschaft: Liebe Aurelia, Studien zeigen, dass das Elternhaus und die eigene Herkunft darüber entscheiden, wer studieren geht. Du selbst stammst aus einer Schauspielerfamilie, den Zahlen nach war die Chance also gering, dass Du eine Karriere in der Wissenschaft bis zum Doktortitel einschlägst.
Aurelia: Ja, aber für mich war als Kind schon ganz klar, dass ich studieren will. Ich habe die akademische Welt damals glorifiziert. Ich dachte, dort sitzen die klugen Köpfe zusammen und überlegen sich, wie man Probleme löst und wie die Zukunft besser wird. Ich bin dann durch die klassische akademische Schule bis zur Promotion gegangen. Aber ich hatte immer das Gefühl, mich immer weiter qualifizieren zu müssen, bevor ich etwas sagen darf. Das hat mich sehr frustriert und ich habe mich gefragt, welchen Wert meine Arbeit hat und wie Wissen wirken soll, wenn man sich immer stärker spezialisiert.
Junge Wirtschaft: Welche Antwort hast Du für Dich auf diese Frage gefunden?
Aurelia: Über Zufälle bin ich auf das Thema Technologietransfer gestoßen und ich habe verstanden, wie groß die Barrieren zwischen Forschung und Wirtschaft sind: durch Strukturen, der Verwaltung, bei der Finanzierung. Auch Vorurteile spielen eine große Rolle. All das gilt es abzubauen, schließlich zahlen wir Steuern für Forschungseinrichtungen; diese Investitionen müssen wieder zurückfließen, Forschungsziele können einem wirtschaftlichen Zweck dienen. Dafür braucht es Menschen wie mich, die beide Interessen zusammenbringen. Plötzlich wusste ich, was ich machen möchte.
Junge Wirtschaft: Daraufhin hast Du die Universität verlassen und wurdest Angestellte in einem Technologietransfer-beratungsunternehmen. Welche Rolle hat dieser Zwischenschritt auf Deinem Weg zur eigenen Agentur gespielt?
Aurelia: Es war ein klassischer Beraterbetrieb mit sehr langen 70-Stunden-Wochen, aber ich habe dort viel gelernt. Vor allem, wie ich Beratung nicht machen möchte. In dieser Zeit wurde mein Wille größer, es besser zu machen. Gleichzeitig wuchs das Vertrauen in mich selbst, dass ich Prozesse verstehe und Verantwortung übernehmen kann.
Junge Wirtschaft: Wann war der richtige Zeitpunkt zum Gründen gekommen?
Aurelia: Als ich wusste, dass ich – egal wie hoch ich die Karriereleiter steigen würde – die Arbeitsweisen und Kommunikation dort nicht verändern werde. Außer ich gründe und gestalte selbst.
Junge Wirtschaft: Welche Hürden musstest Du nehmen?
Aurelia: Unternehmertum wurde mir nicht in die Wiege gelegt und somit auch nicht die finanziellen Mittel. Zudem hatte ich selbst sehr viele negative Vorurteile über Unternehmerinnen und Unternehmer im Kopf, die gerade im akademischen Umfeld noch sehr verbreitet sind.
Junge Wirtschaft: Welche sind das?
Aurelia: Dass alle nur an Gewinn interessiert seien, man niemanden trauen könne und immer aufpassen müsse, nicht betrogen zu werden.
Junge Wirtschaft: Und trotzdem hast Du Dich für den Wechsel von der Festanstellung in die Selbstständigkeit entschieden?
Aurelia: Ja, aber ich hatte großen Respekt davor. Ich fand es schon immer spannend, wie Unternehmerinnen und Unternehmer Verantwortung übernehmen und einfach machen mit allen Konsequenzen.
Junge Wirtschaft: Wie hast Du die Gründung ohne eigenes finanzielles Polster gestemmt?
Aurelia: Ich hatte großes Glück. Mein Team in der Beratungsfirma war räumlich ausgelagert und zur Untermiete bei einer Kreativagentur untergebracht. Wir verstanden uns untereinander sehr gut und sie haben mir nach vielen Gesprächen den sogenannten Arschtritt verpasst, endlich den Weg in die Selbstständigkeit zu gehen. Und noch mehr: Sie unterstützten mich bei der Kapitaleinlage, der Stammeinlage für die GmbH-Gründung und erhielten im Gegenzug Unternehmensanteile. Auch bei Themen wie Website- und Markenaufbau nahmen sie mich an die Hand. Ohne diese Zusammenarbeit, deren Vertrauen und Unterstützung hätte ich mich wahrscheinlich nicht getraut, Mensch Next Big Thing GmbH zu starten.
Junge Wirtschaft: Welche Sorgen haben Dich am Anfang begleitet?
Aurelia: Meine Gründung fiel in die Coronajahre, zudem ist das Geschäftsmodell sehr zeitverzögert: Oft ist erst einmal sehr viel Arbeit, bevor Geld fließt. Erst vor kurzem habe ich mir eingestanden, dass die Angst vor dem Scheitern immer präsent ist.
Junge Wirtschaft: Wie gehst Du mit diesem Gefühl um?
Aurelia: Es ist völlig okay, diese Angst zu haben. Wenn meine Agentur jetzt nicht mehr funktionieren würde, dann wäre es kein Scheitern, weil ich es bis hierher geschafft habe: Ich bin mit der Agentur bei Null gestartet und leite mittlerweile ein Team mit zwölf Angestellten. Trotzdem begleiten mich weiterhin Zweifel, weil mir immer noch gesagt wird, dass ich zu gutgläubig für die Wirtschaftswelt sei.
Junge Wirtschaft: Bist Du das?
Aurelia: Viel wichtiger ist für mich die Frage, ob man sich selbst treu bleibt. Das erlaube ich mir. Werte wie Verbindlichkeit, Ehrlichkeit und Begegnung auf Augenhöhe entscheiden darüber, ob ich Aufträge annehme oder ablehne – auch, wenn das kurzfristig Umsatzverlust bedeutet. Langfristig behalte ich aber die Entscheidungskraft bei mir. Mittlerweile arbeite ich mit unglaublich ehrlichen, hilfsbereiten und unterstützenden Menschen aus meinem Netzwerk zusammen.
Junge Wirtschaft: Apropos Netzwerk: Du bist Mitglied der Wirtschaftsjunioren München. Warum?
Aurelia: Ehrlich gesagt hatte ich anfangs etwas Angst, nur auf reiche Unternehmerkinder zu treffen, die Party machen wollen. Dieser Gedanke schreckte mich zunächst ab. Aber die Realität sieht anders aus. Alles funktioniert unglaublich unbürokratisch und wenn ich eine Frage habe, wird mir in unserer WhatsApp-Gruppe meist innerhalb eines Tages weitergeholfen. Nach so einem lebendigen Verband hatte ich lange gesucht. Bisher konnte ich sehr viel vom Netzwerk profitieren, ich habe mir aber fest vorgenommen, in Zukunft selbst mehr reinzugeben.
Junge Wirtschaft: Was rätst Du Mitgliedern, in denen auch schon die Idee für ein eigenes Unternehmen schlummert?
Aurelia: Redet darüber mit so vielen Menschen wie möglich. Es gibt so viele, die ähnliche Wünsche in sich tragen und sich anstecken lassen.
Junge Wirtschaft: Hast Du auch Empfehlungen Richtung Politik?
Aurelia: Ich sage immer, meine Launen sind nicht zyklusabhängig, sondern steuer- und monatsabschlussabhängig. Ich finde, dass es ein Unding ist, wie schwer es einem gemacht wird, etwas aufzubauen. Es gibt einen großen Handlungsbedarf bei der Reduzierung steuerlicher und verwaltungstechnischer Hürden. Unternehmertum sollte wieder mit Freude verbunden sein, nicht mit Bürokratie.
Vielen Dank für das Gespräch.
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