Der blinde Fleck: chronische Erkrankungen
Nicht immer sichtbar, aber immer präsent: chronische Erkrankungen. Sie gehören für Millionen Menschen zum Leben dazu. Aus Angst, dass die eigene Kompetenz hinter der Diagnose verschwindet, wird viel zu wenig darüber gesprochen. Ein Plädoyer für einen neuen Blick auf chronische Erkrankungen mit praktischen Empfehlungen, wie aus gut gemeinter Fürsorge keine Benachteiligung wird.

In den vergangenen Jahren hat es große Fortschritte in der Forschung und Therapie vieler Erkrankungen gegeben. Im gesellschaftlichen Umgang hinken wir jedoch oft hinterher. Denn sobald eine Diagnose bekannt ist, verändert sich nicht selten der Blick auf einen Menschen.
Gerade im Arbeitsleben wird das besonders sichtbar: Aus einer erfahrenen Kollegin, einem kompetenten Mitarbeiter oder einer geschätzten Führungskraft wird dann plötzlich „die Person mit der Erkrankung“. Oder es passiert das Gegenteil, besonders dann, wenn Symptome unsichtbar bleiben. Die Belastung wird unterschätzt, weil man sie nicht sieht. Mitunter steht sogar der Verdacht im Raum, so schlimm könne es dann ja nicht sein. Viele Menschen mit chronischen Erkrankungen kennen genau diese widersprüchlichen Situationen.
Mehr als jeder zweite Erwachsene gibt an, mit einer chronischen Erkrankung zu leben. 90 Prozent von ihnen arbeiten trotz Einschränkungen (Quellen: Robert-Koch-Institut / Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin). Wir spre- chen also nicht über Einzelfälle, sondern über die Realität unserer Arbeitswelt. Multiple Sklerose, Endometriose, chronisch entzündliche Darmerkrankungen und viele weitere Diagnosen betreffen zudem bereits junge Menschen. Damit ist das Thema für ein junges Start-up ebenso relevant wie für ein Traditionsunternehmen mit langjähriger Belegschaft. Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir Mitarbeitenden mit chronischen Erkrankungen begegnen werden, sondern wie wir es tun.
Benachteiligung entsteht meistens nicht aus böser Ab- sicht. Im Gegenteil: oft beginnt sie mit Fürsorge. Wir möchten Rücksicht nehmen, entlasten, niemanden überfordern. Das ist menschlich. Problematisch wird es, wenn wir Annahmen treffen, statt das Gespräch zu suchen. Oder wenn wir vor- sorglich entscheiden, welche Aufgaben wir jemandem noch zutrauen. Dann steht plötzlich nicht mehr die Kompetenz im Vordergrund, sondern die Diagnose.
Gute Führung bedeutet, gemeinsam herauszufinden, unter welchen Bedingungen Verantwortung übernommen werden kann. Sie bedeutet, Unterstützung anzubieten, ohne Fähigkeiten vorschnell neu zu bewerten. Flexible Arbeitszeiten, technische Hilfsmittel oder angepasste Abläufe können wichtige Voraussetzungen dafür sein, dass Menschen ihr Potenzial entfalten können.
Mir selbst hilft es, mir jeden Tag aufs Neue vor Augen zu halten, dass ich von anderen Menschen immer nur einen kleinen Ausschnitt ihres Lebens sehe. Ich weiß nicht, wie viel Kraft es sie womöglich gekostet hat, morgens zur Arbeit zu kommen oder an einem Meeting teilzunehmen. Genauso wenig weiß ich, welche Strategien jemand entwickelt hat, um mit einer Erkrankung gut zu leben und hervorragende Arbeit zu leisten.
Nicht jede Diagnose verändert das Leben eines Menschen im gleichen Maß, doch fast jede Diagnose verändert den Blick, mit dem andere diesem Menschen begegnen. Genau diesen Blick können wir verändern. Vielleicht beginnt ein offenerer Umgang mit chronischen Erkrankungen mit der Bereitschaft, die eigenen Annahmen immer wieder zu hinterfragen. Fragen wir nach, statt zu vermuten. „Was brauchst du, damit du gut arbeiten kannst?“, wäre ein guter Anfang.

Dr. Eva Koch leitet in der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung die
Multiple-Sklerose-Projekte.
Kürzlich hat die Stiftung mit der Social-Media-Kampagne #OffenGesagt auf chronische Erkrankungen im Arbeitsleben aufmerksam gemacht:
www.ghst.de/arbeiten-mit-einer-chronischen-erkrankung
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