Handlungsfähig trotz Krise?
Kriege, geopolitische Spannungen, fragile Lieferketten: Die deutsche Wirtschaft gerät zunehmend unter Druck. Wir haben Wirtschaftsjunior:innen gefragt, mit welchen strategischen Weichenstellungen sie ihre Unternehmen handlungsfähig halten und resilienter aufstellen.
Vera Schmitt (37), Wirtschaftsjunioren Märkisches Sauerland, Geschäftsführerin MICKENHAGEN GmbH & Co. KG (30 Mitarbeitende)
Seit fast einem Jahrhundert behauptet sich unser Unternehmen am Markt. In dieser Zeit haben wir gelernt: Krisen – ob geopolitischer, wirtschaftlicher oder finanzpolitischer Natur – folgen oft einem ähnlichen Muster. Auch wenn die betroffenen Branchen variieren, bleibt das Echo in der Bilanz dasselbe: sinkende Auftragseingänge, schwindende Umsätze, stagnierende Produktion.
Diese Entwicklungen und die Rahmenbedingungen des Produktionsstandorts Deutschland haben uns bereits vor rund 30 Jahren dazu veranlasst, unsere Strategie neu auszurichten. Um in volatilen Zeiten nicht in eine Abhängigkeit von einzelnen Branchen oder Kunden zu geraten, setzen wir schon sehr lange auf Diversifizierung. Wir verzichten bewusst auf das rein preisgetriebene Volumengeschäft. Statt auf große Stückzahlen und kurzfristige Skaleneffekte zu setzen, konzentrieren wir uns auf kleinere Losgrößen sowie auf anspruchsvolle technische Anforderungen.
Diese Ausrichtung hat sich über die Jahre als tragfähig erwiesen, gerade weil die Produktion großer Stückzahlen in Deutschland aufgrund verschiedener Standortfaktoren nur eingeschränkt wettbewerbsfähig ist. Unser Fokus liegt daher auf Qualität, Spezialisierung und langfristigen Kundenbeziehungen – auch wenn der Aufbau eines solchen Kundenstamms Zeit und Kontinuität erfordert.
Aktuell erleben wir neue Herausforderungen. Zum einen sehen wir, wie abhängig große Industrieunternehmen von stabilen Lieferketten und leistungsfähigen mittelständischen Zulieferern sind. Wenn hier Strukturen wegbrechen, kann das weitreichende Folgen haben. Langfristig kann unsere Strategie nur dann erfolgreich sein, wenn der Wirtschaftsstandort Deutschland attraktiv bleibt.
Zum anderen hat für uns das Thema Cybersicherheit deutlich an Bedeutung hinzugewonnen. Immer häufiger wird von erfolgreichen Hackerangriffen berichtet – selbst bei Unternehmen mit hohen Sicherheitsstandards, Firewalls und mehrfachen Datensicherungen. Das zeigt: Resilienz ist heute nicht mehr nur eine Frage von Marktstrategie und Kundenstruktur, sondern umfasst zunehmend auch die digitale Sicherheit.
Max Jankowsky (33), Wirtschaftsjunioren Chemnitz, Geschäftsführer GL Gießerei Lößnitz GmbH (85 Mitarbeitende)
In unserer Gießerei haben wir uns früh ehrlich gemacht: Diese Phase wird nicht schnell vorübergehen. Wir erleben keinen kurzfristigen Abschwung, sondern einen tiefgreifenden Wendepunkt für den Industriestandort Deutschland. Steigende Energie- und Standortkosten treffen auf volatile Märkte und eine Konjunktur, die keine echte Stabilität findet.
Entscheidend war deshalb, im Unternehmen ein gemeinsames Bewusstsein zu schaffen: Wir reden nicht über eine Krise – wir stehen mitten in der Neuordnung des Industriestandorts Deutschland.
Unsere Antwort darauf war zweigeteilt. Zum einen haben wir konsequent an unserer Wettbewerbsfähigkeit gearbeitet und Standortkosten kritisch hinterfragt. Zum anderen haben wir den Blick stärker nach Europa gerichtet. Wir bauen unsere Beziehungen zu Partnern im Binnenmarkt gezielt aus – insbesondere nach Tschechien, Polen, Italien, Österreich und Frankreich.
Denn ich bin überzeugt: Europa ist unsere größte wirtschaftliche Chance. Wir müssen zurück zum Grundgedanken der Europäischen Union: Wettbewerbsfähigkeit, wirtschaftliche Stärke und eine klare gemeinsame Strategie. Eine starke wirtschaftspolitische Union wird entscheidend sein, damit Europa im globalen Wettbewerb geschlossen und handlungsfähig bleibt.
In solchen Zeiten braucht es weniger Hektik und mehr Mut zu Innovation. Deshalb investieren wir an unserem Standort bewusst weiter in Effizienz, Innovation und Zukunftsfähigkeit. Aktuell investieren wir rund 2,5 Millionen Euro in unseren internen Modellbau und die Weiterentwicklung der Gießerei.
Genau das zeichnet den deutschen Mittelstand aus: auch in schwierigen Zeiten an Wachstum, neue Märkte und industrielle Stärke zu glauben – besser gesagt, nie aufzuhören, besser werden zu wollen. Wir motivieren uns gegenseitig – Tag für Tag. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geben mir die Kraft und Überzeugung, weiter für unseren Standort zu kämpfen. Mit Stolz auf das, was wir können, und mit dem festen Willen, die industrielle Zukunft aktiv mitzugestalten.
Aileen Häberle (30), Wirtschaftsjunioren Ostwürttemberg, Geschäftsführerin Kaiserberg International Trading GmbH (300 Mitarbeitende)
Mit Kaiserberg suchen wir für unsere Kunden weltweit – vor allem in Asien – geprüfte Hersteller für Konsumgüter und begleiten den gesamten Prozess von der ersten Musterung bis in das Lager der Kunden. Sicherheit in der Lieferkette ist für uns damit kein theoretischer Begriff, er bestimmt vielmehr unsere tägliche Arbeit.
Die geopolitischen Konflikte im Roten Meer und die damit verbundenen Umleitungen um das Kap der Guten Hoffnung betreffen uns massiv: Schiffe sind deutlich länger unterwegs und die Frachtraten schwanken extrem. Gleichzeitig verzeichnen wir Zuwächse im Neukundengeschäft, da das Bedürfnis nach Sicherheit bei Unternehmen deutlich gestiegen ist. Denn was gestern noch die Standardroute war, ist heute oft ein Risiko für die Lieferfähigkeit.
In dieser Situation zeigt sich der entscheidende Vorteil unserer Firmengruppe: Wir sind nicht nur Sourcing-Experten, sondern haben mit der Häberle Logistik über 70 Jahre Speditionserfahrung und eine gute Markttiefe im Rücken. Wir warten nicht, bis das Schiff verspätet ist, sondern planen Lieferketten zeitnah um, nutzen strategische Zwischenlager – deren Zahl wir kürzlich in China erhöhen konnten – oder passen Bestellzyklen entsprechend an.
Darüber hinaus prüfen wir für jeden Auftrag individuell, ob Seefracht, Schienentransport oder Luftfracht aktuell der sicherste und effizienteste Weg ist. Unsere Kunden schätzen es extrem, dass wir hier proaktiv kommunizieren. Unser Angebot umfasst zudem einen Kundennewsletter mit sicherheitsrelevanten Informationen, der gut angenommen wird.
Resilienz bedeutet für mich, in turbulenten Zeiten flexibel und schnell zu bleiben. Als mittelständische Firmengruppe haben wir genau die richtige Größe dafür. Am Ende geht es darum, die Komplexität so zu managen, dass unsere Kunden handlungsfähig bleiben – egal, was auf den Weltmeeren passiert.
Hannes Voigt (31), Wirtschaftsjunioren Neumünster, Geschäftsführender Gesellschafter Herbert Voigt GmbH & Co. KG (500 Mitarbeitende)
Deutschland deckt einen Großteil seiner Primärenergie noch immer mit Rohöl und Erdgas aus unsicheren Regionen der Welt ab. Wie sehr uns das trifft, hat der Iran-Konflikt wieder einmal gezeigt: Innerhalb weniger Wochen stieg der Diesel um rund 33 Prozent an. Für einen Logistiker wie uns mit über 150 LKW in der Unternehmensgruppe sind das Millionenbeträge – eine Mehrbelastung, entschieden in Riad, Washington und Teheran.
Unsere Antwort heißt deshalb Unabhängigkeit durch Elektrifizierung. Und wir haben das Glück, am richtigen Ort zu sitzen: Schleswig-Holstein hat seinen Bruttostromverbrauch 2025 rechnerisch zu 200 Prozent aus Erneuerbaren gedeckt – das Vierfache des Bundesdurchschnitts. Dieser Standortvorteil ist real, wir müssen ihn nur nutzen.
Wir tun das konsequent: Vier E-LKW sind bereits im Einsatz, bis Jahresende bis zu zehn Fahrzeuge, bis Ende 2027 bis zu 25. Dazu eigene Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher und zwei Schnelllader auf dem Firmengelände. Die Energiekosten aus Strom auf 100 Kilometer sind aktuell rund 24 Euro niedriger als mit Diesel. Und sie sind vor allem eines: planbar.
Resilienz heißt für mich, die Abhängigkeit aktiv zu reduzieren. Jede Kilowattstunde aus norddeutschem Wind und Sonne ist eine Kilowattstunde weniger Risiko aus der Straße von Hormus.
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