Wenn ich etwas anfange, will ich es auch durchziehen
Viele haben ihn früh in Schubladen gesteckt: Migrantenkind, Sitzenbleiber, Störenfried. Heute ist Wirtschaftsjunior Imad Alhawas CEO der Herzberg Klimatechnik GmbH und steht für eine Aufstiegsgeschichte, die zeigt, was unternehmerische Mobilität bedeuten kann.
Wer bekommt in Deutschland wirklich die Chance, Unternehmer:in zu werden? Diese Frage stellen wir 2026 ins Zentrum unserer Verbandsarbeit mit dem von uns geprägten Begriff der unternehmerischen Mobilität. Unsere strategische Verbandsumfrage zeigt, wie unterschiedlich die Wege ins Unternehmertum sind und wie sehr Herkunft, Bildungsbiografie und finanzielle Ausgangslage noch immer mitentscheiden. 11,5 Prozent unserer Mitglieder sind zum Beispiel über externe Nachfolge Unternehmer: innen geworden, 18,1 Prozent kommen aus unterdurchschnittlichen Verhältnissen, 3 Prozent sind im Ausland geboren. Wirtschaftsjunior Imad Alhawas vereint all das in einer Biografie. Der 34Jährige kam im Kindesalter aus dem Jemen nach Deutschland, lebte zeitweise in einer Flüchtlingsunterkunft, galt in der Schule als schwierig, blieb sitzen und wurde später trotzdem Jahrgangsbester. Heute ist er externer Nachfolger eines Handwerksbetriebs, den er 2020 übernommen und seither deutlich ausgebaut hat.
Wenn Imad auf seine Schulzeit zurückblickt, beschreibt er sich selbst als jemanden, der kein Ziel vor Augen hatte und im Moment lebte, ohne vorauszuplanen. Er sei kein „Problemkind“ gewesen, aber für Lehrkräfte „anstrengend“. Das änderte sich erst, als die Zukunft plötzlich konkret wurde. Nach dem Sitzenbleiben, irgendwann in der achten Klasse, kam das Thema Berufswahl auf. Ein Gespräch mit seinem älteren Bruder – Imad ist das Sandwich-Kind der Familie mit zwei Schwestern und zwei Brüdern – wurde zum Wendepunkt. „Dann hat mir mein Bruder den Beruf Ingenieur beschrieben. Und ich dachte: Krass, das hört sich ja genau nach dem an, was ich werden will. An dem Tag habe ich beschlossen, Ingenieur zu werden.“ Aus einem Schüler mit 3,5er-Durchschnitt wurde später „der Jahrgangsbeste“, weil er, wie er sagt, „ein Ziel hatte.“
Die Erfahrung des Sitzenbleibens hat ihn nachhaltig geprägt und wurde zum inneren Antrieb. „Ich hatte immer den Drang, die Zeit wieder rauszuholen. Ich hatte ein Jahr verloren, so war meine Rechnung, also muss ich dieses Jahr wieder rausholen.“ Dieses Denken zieht sich durch seine gesamte Bildungsbiografie. Nach dem Realschulabschluss folgten die Ausbildung zum Mechatroniker für Kältetechnik, die Technikerschule parallel am Samstag, später Bachelor und Master. Stets Ausbildung und Arbeit parallel, stets unter hoher Belastung. Seine Erfolgsformel dabei war, sich vorab über alle Möglichkeiten zu informieren, den Zeitaufwand realistisch einzuschätzen und sich nicht zu übernehmen.
Dabei fehlte ihm auf diesem Weg häufig genau das, was für viele selbstverständlich ist. Unterstützung im akademischen Alltag. Jemand, der bei Mathe hilft, Dinge erklärt, Orientierung gibt. „Ich hatte nicht wirklich eine Bezugsperson, die mit mir üben konnte“, sagt er. Also brachte er sich vieles selbst bei. Hinzu kamen Erfahrungen, die andere womöglich entmutigt hätten. Eine Lehrerin wollte ihn nach einem Schulwechsel nicht zurück in ihre Klasse aufnehmen, weil sie, wie er erzählt, „keine Kraft für einen Schüler wie mich“ gehabt habe. Bitter klingt das bei ihm nicht. Eher sachlich. „Es gibt Menschen, die knicken ein. Es gibt Menschen, die stärken ihre Wurzeln dadurch. Und ich würde jetzt mal behaupten, mich hat das eher angespornt.“
Der Weg ins Unternehmertum führte bei ihm nicht über eine klassische Gründung, sondern über externe Nachfolge. Gerade deshalb passt seine Geschichte so gut in die Debatte um unternehmerische Mobilität. Denn es geht darum, ob Menschen ohne Unternehmerfamilie, ohne geerbte Strukturen und ohne finanzielle Sicherheiten eine reale Chance auf Gründung und Übernahme bekommen. Bei Imad kam eins zum anderen. Er brach seinen ersten Masterstudiengang nicht aus mangelndem Ehrgeiz ab, sondern aus finanzieller Notwendigkeit. „Ich brauchte Geld, wenn du es so willst“, sagt er. Also arbeitete er zunächst als Ingenieur, wurde früh Projektleiter und stieg dann in das Unternehmen ein, das er später übernehmen sollte. Dort trat er nicht als designierter Chef auf, sondern als Mitarbeiter. „Ich habe erstmal ganz normal mitgearbeitet“, sagt er, „Mädchen für alles, jede Stufe, von Außendienst bis Büro.“ Nach einer Testphase von sechs bis acht Monaten wurde daraus eine Übernahme.
Dass dieser Schritt 2020 mitten in die Coronazeit fiel, machte die Lage nicht leichter. Förderprogramme griffen für ihn als Übernahmekandidat nicht, weil er formal als Neugründer galt. „Die Angst war da schon groß“, sagt er rückblickend. Dennoch ist es bemerkenswert, dass in seiner Erzählung kein klagender Unterton mitschwingt. Stattdessen spricht er mit viel Wertschätzung über die Möglichkeiten, die Deutschland bietet. Besonders deutlich wird das, wenn er über Bürokratie und Verlässlichkeit spricht. „Wir leben in einem der besten Länder der Welt. Wenn du hier etwas aufbaust, wird dir das morgen nicht weggenommen. Wenn es auf dem Papier steht, dann ist es auch wirklich so. Und darauf kann man sich verlassen. Das ist etwas Gutes.“
Was Imad in wenigen Jahren geschafft hat, ist ohne Frage beeindruckend. Er hat strukturelle Hürden überwunden und Chancen ergriffen, die dieses Land eröffnet. Aus einem Betrieb mit knapp fünf Personen wurde ein Unternehmen mit mehr als 25 Mitarbeitenden. Das Team ist jünger geworden, Prozesse digitaler und neue Unternehmensbereiche wie Wärmepumpentechnik sind hinzugekommen. Imad packt im Betrieb weiterhin selbst mit an. Strategie und Steuerung interessieren ihn, aber ebenso die konkrete Arbeit. „Ich brenne dafür. Ich habe meinen Platz gefunden“, sagt er.
Nach der Übernahme des Unternehmens – seine Geschwister stiegen als Prokuristen ein – suchte Imad gezielt den Austausch mit jungen Unternehmer:innen und fand ihn bei den Wirtschaftsjunioren Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern. Dort engagierte er sich gerade in der Anfangszeit stark, hielt einen Kurzvortrag zum Thema Firmennachfolge und brachte sich bei Projekten und Events ein. Sein Kreis zeichnete ihn dafür als „Aktivstes Mitglied 2022“ aus. Dass ihn die Ehrung während der Mitgliederversammlung überraschte, passt zu seiner zurückhaltenden Art. Vieles von dem, was er leistet, beschreibt er selbst eher nüchtern, während andere beeindruckt auf das Erreichte blicken.
Heute steht für Imad die Familie an erster Stelle. Er genießt es sehr, mit seinen Geschwistern und seinem Vater zusammenzuarbeiten und den Grundstein für die nächste Generation zu legen. „Dafür lohnen sich die Anstrengungen und langen Arbeitstage“, so der Vater von drei Kindern.
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