Meine Suche nach dem Helper’s High und dem Warum
Das Gefühl, etwas bewirken zu können, motiviert nachhaltiger als jeder kurzfristige Erfolg. Davon berichten Mitglieder in dieser Rubrik. Mit ihren Erfahrungsberichten beschreiben sie, wie sie sich für andere engagieren und den Helper’s-High-Moment – das Hochgefühl durch soziales Engagement – erleben. Dieses Mal nimmt uns Wirtschaftsjunior Marvin Götz mit auf seine Reise „Shaping the Way“, ein Projekt zwischen Spendenaktion und persönlicher Grenzerfahrung.
Highs und Lows liegen oft näher zusammen, als man denkt. Besonders dann, wenn man allein auf dem Fahrrad sitzt, irgendwo zwischen zwei Städten, müde, im Gegenwind. In einem dieser Momente habe mich gefragt: Warum mache ich das eigentlich? Ich habe lange überlegt, wie ich meine Geschichte mit Euch teilen kann – und ob diese Rubrik wirklich passend ist.
Shaping the Way: Von der Idee, Fahrrad zu fahren
Alles begann, wie soll es anders sein, mit einer Idee zu später Stunde auf einer Konferenz. Es ist Mai 2024, der Abschlussabend der Hanseraumkonferenz, kurz HaKo. Ich stehe an der Bar, quatsche mit Leuten, die ich gerade erst kennengelernt habe. Zwei Jahre später wird die HaKo in Hannover unter dem Motto „Shaping the Future“ stattfinden. Wir wollen ein hochwertiges Programm präsentieren, aber auch den Hanseraum zusammenbringen. Da kam mir spontan eine Idee: Wie wäre es, jeden Kreis mit dem Fahrrad zu besuchen und persönlich einzuladen? Die ersten Reaktionen lauteten zusammengefasst: Cool – aber warum? Fahr doch einfach Auto. Das ist verrückt! Kein halbes Jahr später ist die Idee um eine Spendenaktion gewachsen. Ziel sollte nun sein, alle 37 Kreise einzuladen und zudem Aufmerksamkeit für soziale Themen zu steigern. Begeistert hat mich aber kein potenzielles Spendenziel. Und fokussieren konnte ich mich zu diesem Zeitpunkt sowieso nicht: ein ungeplanter Jobwechsel, private Herausforderungen und dann diese eine Nachricht von einem guten Freund mit Folgen: Ein paar Tage später stehe ich mit meinen ehemaligen Schulkameraden vor dem Stadtfriedhof in Hannover, nur unser gemeinsamer Freund Lukas fehlt. Keine Blumen, keine großen Worte. Nur Stille und eine kleine Gruppe von Freunden mit der Familie. Jemand sagt leise: „Vielleicht können wir etwas in seinem Namen spenden.“
Trauer und Antrieb
In diesem Moment verändert sich mein Projekt – vom bloßen Fahrradfahren hin zu etwas Größerem. Mich packt neuer Tatendrang. Ich finde drei passende Spendenziele und aus der Idee wird langsam Realität. Nach monatelangen Abstimmungen und Planungen starte ich mit „Shaping the Way“ und fahre mit dem Fahrrad los. Drei Wochen durch den Norden Deutschlands. Täglich besuche ich ein bis zwei Kreise, fahre an manchen Tagen keine 50 Kilometer, an anderen fast viermal so viel. Von einem unter vielen Erlebnissen spreche ich besonders gerne: Kurz vor Mitternacht finde ich mich unter sternenklarem Himmel allein im Wald am See wieder. Mein Hinterreifen platt – ich selbst auch. Nach teilweise langen Abenden und vielen Kilometern in den Beinen stehe ich vor einer heruntergekommenen Schutzhütte. Meinem Schlafplatz für heute. Nur um dann wenige Momente später festzustellen, dass dieser bereits von einer obdachlosen Frau besetzt ist. In einem solchen Moment kicken alle Vorurteile. Und während ich noch überlege, ob es für mich denn sicher genug sei, werde ich von der anderen Seite schon freundlich begrüßt. Es folgte ein stundenlanges Gespräch über das Leben, über die Liebe, Freundschaft und was uns antreibt. Eben jene Frage nach dem Warum. Am Ende habe ich mehr Fragen als Antworten gewonnen. Es ist ein Abend, der mich noch auf vielen Fahrten und darüber hinaus beschäftigen wird, mir aber auch immer wieder ein Lächeln schenkt.
Die Frage nach dem Warum bleibt
Tage später sitze ich allein an der Elbe. Die Sonne geht langsam unter. Es ist still, gefühlt zum ersten Mal in zwei Wochen bin ich wirklich allein. Zwei Wochen mit täglichen Gesprächen zum Projekt, der Spendenaktion und dem Grund für all das. Ich denke an Lukas und wie ich seine und meine Geschichte mit auf diese Reise genommen habe. Ich bin müde, nicht nur physisch, sondern vor allem mental. Und zum ersten Mal denke ich: Vielleicht ist das Projekt eine Nummer zu groß. Vielleicht habe ich mir zu viel vorgenommen. Ich wische mir eine Träne aus dem Gesicht und setze mich wieder aufs Rad. So nah liegen Highs und Lows beieinander. Nach dem Sommer und einigen weiteren Fahrten folgte Anfang 2026 meine bisher härteste Tour: Von Hannover über den Harz bis nach Amsterdam. Während sich ganz Deutschland über das Schneechaos aufregt, entwickelte sich meine Tour zur Tortur bei Minusgraden, zentimeterhohem Schnee und abgefrorenen Zehen. In Goslar fragte mich die Tochter von Wirtschaftsjuniorin Evi am Frühstückstisch: „Warum machst du das?“ Und während ich versuche bei Glatteis die Spur zu halten mein Fahrrad durch den Schnee schiebe, hallt die Frage nach dem Warum immer wieder nach. Auch eine 24StundenFahrt nach Frankfurt und eine dreitägige Ostertour bis nach Stettin mit meinem Schulfreund Pascal können mir darauf keine klare Antwort geben.
Mein Fazit
Die Bilanz am Ende des Projekts: über 5.000 Kilometer, 47 besuchte Kreise, drei Länder und über 20.000 Euro Spenden. Als WJ Hannover haben wir mit allen drei Spendenorganisationen gemeinsame Aktionen wie eine VRErfahrung zum Thema Depression, ein Besuch einer Gedenkstätte und eine Essensausgabe für Obdachlose organisiert. Zudem gesellen sich etliche Begegnungen mit weit über 100 Wirtschaftsjunior:innen. Diese konnte ich nicht nur mit meinem Projekt begeistern, sondern auch vieles über deren Engagement erfahren. Dieses Projekt war kein durchgängiges „Helper’s High“. Es war anstrengend, manchmal überfordernd und eine absolute Grenzerfahrung. Vielleicht geht es auch gar nicht darum, immer dem nächsten „High“ nachzujagen, sondern, trotz der Tiefs weiterzumachen, sich den Herausforderungen zu stellen, andere zu unterstützen und auch die Hilfe anderer annehmen zu können. Um Wirkung zu erzielen, braucht es kein großes Projekt, sondern nur den Moment, in dem man sich entscheidet, anzufangen. Oder in meinem Fall: loszufahren.
Mehr über „Shaping the Way”
Wer das Projekt mit einer Spende unterstützen möchte, kann dies auch weiterhin über die Croudfundingseite tun. Die Spenden gehen an die Robert-Enke- Stiftung (mentale Gesundheit), die Gedenkstätte Bergen- Belsen (Demokratieförderung) sowie Ganz Unten e.V. (Sozialhilfe). Kontaktiere mich gern, wenn Du mehr zum Projekt und meinen Erfahrungen erfahren möchtest.
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