Burnout beginnt lange bevor jemand ausfällt
Mental-Health-Speakerin und HR-Expertin Kathrin Erasmus spricht offen über ihre eigene Burnout-Erfahrung. In ihrem Gastbeitrag schildert sie ihren Weg aus der Erschöpfungs- spirale und liefert damit wertvolle Tipps für Arbeitgeber:innen und Führungskräfte, wie sie Warnsignale erkennen und reagieren können – bei Teammitgliedern und bei sich selbst.

Ich habe meiner Führungskraft nicht nur einmal gesagt, dass ich mich ausgebrannt fühle, sondern über Monate hinweg immer wieder. Trotzdem arbeitete ich weiter, weil ich selbst lange nicht verstanden hatte, wie ernst die Situation bereits war. Heute weiß ich, dass mein Burnout nicht plötzlich kam, denn die Warnsignale waren längst da.
Die Abwärtsspirale
2022 arbeitete ich im Talent Acquisition eines Start-ups. Recruiting bringt von Natur aus Druck mit sich, schließlich sollen Stellen schnell besetzt werden, gute Kandidat:innen sind umkämpft und gleichzeitig soll die Qualität stimmen. Was mich zunehmend belastete, war jedoch weniger die Menge der Arbeit als das Gefühl, trotz meines Einsatzes nicht voranzukommen.
Ich führte über Wochen Bewerbungsgespräche, begleitete Kandidat:innen durch den Recruitingprozess und war irgendwann überzeugt, eine passende Person gefunden zu haben. Im abschließenden Entscheidungsprozess fiel die Wahl trotzdem immer wieder gegen eine Einstellung aus, wodurch die Suche von vorne begann. Natürlich gehört das zum Recruiting, doch als sich diese Situationen häuften und gleichzeitig der Druck bestehen blieb, offene Stellen schnell zu besetzen, wurde es für mich zunehmend belastend. Ich investierte viel Energie, hatte aber immer weniger das Gefühl, mit meiner Arbeit etwas bewirken zu können.
Mit der Zeit blieb diese Belastung nicht mehr bei der Arbeit. Ich wachte nachts auf und konnte teilweise stundenlang nicht einschlafen, weil meine Gedanken kreisten, ich verlor meinen Appetit und bekam in Stresssituationen Schwindel und Gleich- gewichtsstörungen. Auch die Grenze zwischen Arbeit und Frei- zeit verschwand, denn gedanklich nahm ich meine Arbeit mit in den Feierabend und ins Wochenende, während mir sonntags bereits vor dem Montag graute. Ich weinte viel und fühlte mich gleichzeitig immer häufiger emotional taub.
Wenn Urlaub nicht mehr ausreicht
Mein erster Versuch, die Situation zu lösen, war Urlaub zu nehmen, weil ich hoffte, dass zwei Wochen Abstand reichen würden. Doch selbst dort schlief ich nicht besser, hatte weiter- hin keinen Appetit und wollte am liebsten nur im Bett liegen. Spätestens da verstand ich, dass Erholung allein nicht mehr reichen würde. Mein Arzt diagnostizierte einen Burnout, ich wurde krankgeschrieben und später in einer Tagesklinik behandelt.
Damals war ich enttäuscht von meiner Führungskraft und meinem Arbeitgeber, wobei mir vor allem das Gefühl fehlte, in dieser Situation auch als Mensch gesehen zu werden. Während meiner Zeit in der Tagesklinik starb zusätzlich mein Vater. Da wir die Beerdigung kurzfristig finanziell nicht stemmen konnten, veröffentlichte ich auf LinkedIn einen Spendenaufruf. Aus dem Unternehmen erreichte mich lediglich eine öffentliche Beileidsbekundung als Kommentar unter dem Beitrag, ich hätte mir jedoch mehr persönliche Anteilnahme gewünscht. Für mich war das ein Wendepunkt, denn als Recruiterin sollte ich Menschen glaubwürdig vermitteln können, wofür unser Unternehmen steht. Ich merkte, dass ich das nach meinen Erfahrungen nicht mehr konnte und entschied mich zu kündigen.
Führungskräfte sind keine Therapeut:innen, aber …
Mit zeitlichem Abstand hat sich meine Sicht auf diese Phase verändert. Heute beschäftigt mich weniger die Frage, wer damals etwas falsch gemacht hat, als die Frage, warum wir so wenig auf eine solche Situation vorbereitet waren. Auch meine Führungskraft wusste schlicht nicht, wie sie mit meiner Erkrankung umgehen sollte.
In einem Gespräch wurde meine Situation beispielsweise mit einer schwer erkrankten Person aus dem persönlichen Um feld meiner Führungskraft verglichen, die nach wenigen Wo chen wieder arbeiten konnte. Bei mir löste das Druck aus, weil ich daraus mitnahm, möglichst schnell wieder funktionieren zu müssen. Heute glaube ich nicht, dass dies beabsichtigt war, viel mehr fehlte vermutlich das Wissen darüber, welche Aussagen helfen und welche unbeabsichtigt zusätzlichen Druck erzeugen.
Führungskräfte können nicht automatisch wissen, wie sie einen psychisch belasteten Menschen begleiten sollen. Sie müs sen keine Therapeut:innen werden, sollten aber Warnsignale kennen, Gespräche angemessen führen können und wissen, wann professionelle Unterstützung notwendig ist.
Aus meiner Erfahrung lohnt es sich vor allem, genau hin zuhören, wenn Mitarbeitende ihre Belastung ansprechen. Nicht jede Erschöpfung ist ein Burnout und nicht jede schwierige Wo che eine Krise, doch wenn jemand über längere Zeit nicht rich tig schläft, sich nicht mehr erholt, körperlich auf Stress reagiert oder selbst sagt, dass er sich ausgebrannt fühlt, sollte das ernst genommen werden. Dieser wachsame Blick auf das Team gilt selbstverständlich auch für die eigene Situation.
Dabei geht es nicht ausschließlich um die Menge der Arbeit, denn mein Burnout hat mir gezeigt, wie belastend auch das Ge fühl sein kann, ständig Energie zu investieren und trotzdem nicht voranzukommen. Führungskräfte sollten deshalb nicht nur fragen, wie viel jemand arbeitet, sondern auch verstehen wollen, wie dieser Mensch seine Arbeit erlebt und ob er noch das Gefühl hat, etwas bewirken zu können.
Fazit
Mir selbst haben professionelle Unterstützung, die Tagesklinik und mein persönliches Umfeld geholfen, außerdem habe ich viel gelesen und Podcasts mit Erfahrungen anderer Betroffener gehört. Heute würde ich nicht mehr wochenlang darauf hoffen, dass Schlafprobleme, Gedankenspiralen oder körperliche Stressreaktionen von allein verschwinden, sondern deutlich früher reagieren und mir Unterstützung suchen.
Mein Burnout hat nicht nur meinen Umgang mit mir selbst verändert, sondern auch meine Vorstellung von guter Führung. Ich erwarte von keiner Führungskraft, immer die perfekten Worte zu finden oder psychische Erkrankungen diagnostizieren zu können. Ich wünsche mir, dass sie hinsieht, zuhört und sich Wissen aneignet, bevor sie es dringend braucht, denn manch mal müssen die Warnsignale eines Burnouts gar nicht erst erkannt werden, weil der betroffene Mensch sie bereits selbst ausspricht.
Unterstützungsangebote
Mental Health First Aid (MHFA): Mit der Ausbildung bzw. Zertifizierung zum Mental Health First Aider lernen Mitarbeitende, psychische Belastungen frühzeitig zu erkennen, Betroffene anzusprechen und angemessen zu unterstützen.
Psychologische Unterstützung durch Unternehmen: Mit Hilfe des Fürstenberg Instituts, nilo oder OpenUp können Arbeitgeber:innen ihren Mitarbeitenden professionelle Unterstützung rund um mentale Gesundheit zugänglich machen.
Privat Unterstützung suchen: Auch niedrigschwellige Angebote für Privatpersonen wie BetterHelp sind empfehlenswert, die psychologische Unterstützung unabhängig vom eigenen Unternehmen anbieten.
Du befindest Dich in einer akuten Krise? Depressionen können jeden treffen. Zögere nicht, Dir Hilfe zu suchen: Telefonseelsorge (08 00/1 11 01 11 oder 08 00/1 11 02 22), Online-Suizidprävention [U25] bietet kostenlose und vertrauliche Mailberatung für junge Menschen unter 25 Jahren, die sich in einer (suizidalen) Krise befinden (www.u25-deutschland.de/helpmail) oder 112 bei unmittelbarer Suizidgefahr.

Kathrin Erasmus ist Mental-Health-Speakerin und Business Creatorin.
Sie verbindet über zehn Jahre HR-Erfahrung mit ihrer persönlichen Perspektive auf mentale Gesundheit und spricht über Burnout, Depression und gesunde Führung in der Arbeitswelt.
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