Der Gesundheitsmarkt wächst: KI als Innovationstreiber

KI soll Krebs und Demenz früher erkennen, Ärzt:innen entlasten und Kosten senken.
Für Unternehmen ist der Gesundheitsmarkt ein Wachstumsfeld, für die Politik ein Stresstest. Denn ohne klare Regeln droht Deutschland ausgerechnet bei lebensrettenden Innovationen zurückzufallen.

Der demografische Wandel setzt das deutsche Gesundheitssystem zunehmend unter Druck: mehr ältere Menschen, mehr chronische Erkrankungen, weniger Fachkräfte, die sich um eine wachsende Zahl an Patient:innen kümmern müssen. Der vielzitierte Apfel pro Tag reicht längst nicht, um die Versorgungslücken zu schließen. Genau hier setzen Unternehmen an – mit Produkten, die Diagnostik, Therapie und Prävention verbessern. Künstliche Intelligenz mischt dabei kräftig mit, wirft aber auch heikle Fragen zu Datensouveränität und -sicherheit auf.


Gesundheitsbranche ist wirtschaftlich ein Schwergewicht
2025 erwirtschaftete die Gesundheitsbranche eine Bruttowertschöpfung von 498,4 Milliarden Euro – 12,4 Prozent der Gesamtwirtschaft. Im Schnitt der vergangenen zehn Jahre wuchs sie mit 4,7 Prozent jährlich deutlich stärker als die Gesamtwirtschaft mit 3,9 Prozent. Rund 7,7 Millionen Menschen arbeiten in der Branche, das entspricht jedem sechsten Arbeitsplatz in Deutschland. Rechnet man indirekte Effekte hinzu, trägt die Gesundheitswirtschaft sogar 889,4 Milliarden Euro zur deutschen Wirtschaftsleitung bei. Teilsegmente wie Pharma, Medizintechnik und Digital Health wachsen Prognosen zufolge um 4,4 bis 6,9 Prozent pro Jahr. Global soll Künstliche Intelligenz laut PwC bis 2030 rund 15,7 Billionen US-Dollar zum Weltbruttoinlandsprodukt beitragen, was sich auch positiv auf die Gesundheitswirtschaft auswirken wird.

KI verbessert Diagnostik schon heute
Schon jetzt finden sich Beispiele dafür: An renommierten Forschungs-einrichtungen wie Helmholtz Munich arbeiten Wissenschaftler:innen daran, systematisch jeden medizinischen Scan mittels KI auszuwerten und etwa Augenerkrankungen bereits in besonders frühen Stadien automatisiert zu erkennen, noch bevor das menschliche Auge Veränderungen wahrnimmt. Im Bereich Brustkrebs verbessert KI-gestützte Diagnostik schon heute die Versor- gung tausender Patientinnen weltweit: Die Software des Hamburger Unternehmens Mindpeak beispielsweise senkt die Rate an Fehldiagnosen von rund 30 auf 4 bis 5 Prozent, mehr als 50.000 Patientinnen wurden mit dieser Technik bereits diagnostiziert, in Kooperation mit Partnern wie AstraZeneca und der Charité Berlin.


Auch bei der Früherkennung von Demenz gibt es Grund zur Hoffnung: Eine PwC-Analyse rechnet vor, dass KI-Anwendun- gen in Europa allein in diesem Bereich über zehn Jahre rund acht Milliarden Euro einsparen könnten, bei Brustkrebs so- gar 74 Milliarden Euro. Zugleich zeigt sich eine Kluft zwischen Erwartung und Praxis: 64 Prozent der Entscheider:innen im deutschen Gesundheitswesen glauben, KI werde das System grundlegend verändern, aktuell setzen aber erst 30 Prozent entsprechende Anwendungen tatsächlich ein.


„Das Wachstumspotenzial ist enorm“, sagt Felix Faber, Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens Mindpeak, das KI-Software zur Brustkrebsdiagnose entwickelt. Ge- trieben werde das Wachstum durch alternde Bevölkerung, anhaltenden Fachkräftemangel und stetig wachsende Daten- mengen aus Kliniken und Praxen. KI werte Gewebe- und Bild- daten schneller, objektiver und reproduzierbarer aus als bisher möglich. „KI wird Ärztinnen und Ärzte nicht ersetzen. Sie wird ihnen helfen, bessere Entscheidungen zu treffen – und gleich- zeitig die Entwicklung der nächsten Generation von Therapien beschleunigen“, so Felix Faber.

EU-Vorgaben bremsen vor allem Nicht-EU-Länder aus
Doch bis ein Produkt am Krankenbett ankommt, vergeht oft viel Zeit. Laura Rinne, Wirtschaftsjuniorin und aktuell Referen­tin der Geschäftsführung im Familienunternehmen TapMed, kennt das aus der Praxis. Sie verantwortet das Produktmanage­ment von medizinischen Spitzentechnologien und innovativen Medizinprodukten und bringt es so auf den Punkt: „Die CE­ Kennzeichnung ist eine der wesentlichen Hürden. Es ist gut und wichtig, dass es diese Anforderungen gibt. Die Verfahren können allerdings sehr lange dauern.“ Besonders Unternehmen aus Nicht-­EU-­Ländern täten sich schwer, europäische Vorga­ben vollständig umzusetzen. Bis das gelinge, könnten laut Laura Rinne mitunter Jahre vergehen, erst danach nehme TapMed ein Produkt ins Sortiment auf.


Auch Felix Faber sieht regulatorische Prozesse als Bremse: „Der größte Engpass ist heute oft nicht die Technologie, son­ dern der Weg in die klinische Praxis.“ Unternehmen bräuchten dafür wissenschaftliche Substanz, Zulassungs­Know­how und ein Gespür für klinische Abläufe.


Es fehlen nationale KI-Strategien

Hinzu komme ein strukturelles Problem beim Datenzugang: „Bedauerlicherweise ist der Zugang zu Gesundheitsdaten in Deutschland nach wie vor stark eingeschränkt“, so Felix Faber. Deutschland stehe an einer Weggabelung: kleinteilige Struk­turen auf der einen Seite, eine führende Rolle im globalen KI­-Wettbewerb auf der anderen. Hier will die im Juli 2026 von der Bundesregierung beschlossene Startup­ und Scaleup­Strategie ansetzen: Sie soll innovationsfreundliche Rahmenbedingungen schaffen, unter anderem durch den Ausbau von KI-Reallaboren im Gesundheitswesen, die den Transfer neuer Technologien in die Versorgung beschleunigen sollen. Zudem will die Bun­desregierung die Handlungsempfehlungen der Expert:innenkommission „Wettbewerb und Künstliche Intelligenz“ sowie die nächsten politischen Schritte zur Umsetzung prüfen.


Wie groß die regulatorische Lücke in Europa insgesamt ist, zeigt eine WHO-Erhebung aus dem November 2025: Von 53 untersuchten Ländern in der europäischen WHO-Region verfügen lediglich vier – nur acht Prozent – über eine nationale KI­-Strategie für das Gesundheitswesen, sieben weitere entwickeln der­zeit eine. 86 Prozent der Länder sehen darin ihre größte Schwierigkeit, 78 Prozent nennen finanzielle Einschränkungen. Nur acht Prozent haben bislang klare Haftungsregeln für Fehler von KI-Systemen fest­ gelegt, obwohl 64 Prozent der Länder KI bereits in der Diagnostik einsetzen. Deutschland selbst taucht in dieser Diagnostik­-Erhebung nicht auf: Laut Euronews nahm die Bundesrepublik an diesem Teil der WHO- Befragung nicht teil.

Mehr Tempo und mehr Transparenz notwendig
Auf EU­-Ebene entsteht derweil ein rechtlicher Rahmen, der ge­nau diese Lücke schließen soll: Der KI­-Act stuft medizinische KI-Systeme als Hochrisikoanwendung ein und verlangt strenge Prüf- und Transparenzpflichten. Der Europäische Gesundheitsdatenraum soll den grenzüberschreitenden, zugleich datenschutzkonformen Austausch von Gesundheits­daten erleichtern, etwa wenn Patient:innen im Ausland behandelt werden und ärztliche Befunde mitgebracht werden müssen. Und die Produkthaftungsrichtlinie regelt erstmals ausdrücklich die Verantwortung von Herstellern für Schäden durch fehlerhafte KI­-Anwendungen.
Für Unternehmen wie TapMed ist KI im Alltag längst angekommen, wenn auch mit Grenzen. „KI beeinflusst inzwischen nahezu alle Bereiche des Gesundheitswesens“, sagt Laura Rinne. Auf die Auswahl und den Vertrieb der Medizin­produkte habe KI derzeit aber keinen direkten Einfluss: „Diese Entscheidungen werden weiterhin von Menschen getroffen.“ Damit neue Behandlungsmethoden schneller bei Patient:innen ankommen, brauche es laut beiden Gesprächspartner:innen vor allem eines: mehr Tempo und Klarheit bei Regulie­rung und Erstattung. „Eine bundesweite KI­ Strategie für das Gesundheitswesen ist dringend geboten“, fordert Felix Faber – sonst drohe Deutschland, den Anschluss an lebensrettende Entwicklungen zu verlieren. Laura Rinne verweist zusätzlich auf einen anderen Hebel: „Ein transparenteres und schnelleres Verfahren zur Prüfung der Erstattungsfähigkeit könnte unmittelbar dazu beitragen, dass innovative Produkte mehr Menschen erreichen.“ Werden die Vorgaben zu komplex und teuer, könnten gerade kleinere internationale Hersteller dem europäischen Markt fernbleiben, zulasten der Patient:innen.


Deutschland muss Vorreiter werden
Der Gesundheitsmarkt wächst wirtschaftlich und mit ihm die Verantwortung. Unternehmer:innen, Forschende und Politik müssen gemeinsam die Balance zwischen Sicherheit, Datensouveränität und Tempo finden, damit aus technolo- gischem Potenzial tatsächlich bessere Versorgung wird, ohne dabei den medizinischen Fort­ schritt auszubremsen oder die Datensicherheit der Patient:innen zu gefährden. Gelingt dieser Spagat, könnte Deutschland zum Vorreiter werden und Patient:innen deutlich früher von Diagnostik, Therapien und Präventionsangeboten profitieren, die aktuell noch in Pilotprojekten und
Zulassungsprozessen stecken.

Weiter Beiträge zum Thema