Gesichter der jungen Wirtschaft: Andrea Stenz

Fernweh? Andrea Stenz hat was dagegen: Limo mit Ingwer. Und Nanaminze. Und Ananas. Hilft gegen Ferndurst, heißt dann auch der Slogan. Ein Besuch in Berlin.

Der Ände, ihr Schätzelein und die Ingwer-Idee

© WJD/Stephanie von Becker

Es ist Sommer in Berlin. Kein Sommer wie jeder andere, es ist der Corona-Sommer. Menschen, die sonst in Büros oder Co-Working-Spaces arbeiten, befinden sich im Homeoffice. Wie Andrea, Gründerin und Geschäftsführerin von Ände. Ihr Homeoffice befindet sich in Berlin-Spandau (von dem es in den anderen Teilen Berlins oft heißt, es gehöre gar nicht zu Berlin), ihr Business ist Limonade. Bio Limo, um genau zu sein, mit dem Geschmack ferner Länder.

Geschmack ferner Länder klingt gut, in einem Sommer, den man eher zu Hause auf dem eigenen Balkon sitzend verbringt als mit den Füßen in der Südsee. Tatsächlich, erzählt Andrea, sind die Corona-bedingten Umsatzeinbußen für Ände auch nicht so groß ausgefallen, wie für andere Getränkehersteller. Das lag aber vor allem daran, dass Ändes Verkaufsschwerpunkt im Einzelhandel liegt – und nicht in der Gastronomie. „Natürlich haben wir auch die Auswirkungen gespürt, zum Beispiel wenn die Logistiker gesagt haben: Tut uns leid, wir müssen erstmal Reis, Mehl, Hefe und Toilettenpapier transportieren. Da stand man dann auf der Prioritätenliste eben nicht ganz oben. Aber trotzdem: Die Märkte waren offen, man konnte unsere Limo kaufen. Wobei das Konsumentenverhalten natürlich auch erstmal nicht auf Bio Limo ausgerichtet war.“

Aus der Not geboren, aber Gold wert

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Was kann man also tun, als kleines Unternehmen, wenn man während einer Pandemie die Konsumenten ansprechen möchte? „Online waren wir zu dem Zeitpunkt nicht optimal aufgestellt“, gibt Andrea zähneknirschend zu. „Wir haben uns da selbst reingehängt, aber wir haben das nicht gelernt und können das eben nicht so richtig.“ Digital lief es also nur so mittel. „Dann haben wir uns gefragt, wie können wir denn jetzt auf den Flächen präsenter werden für die Kundinnen und Kunden?“ Hervorgeholt wurde schließlich eine alte Idee, die nie umgesetzt worden war: „Wir müssen uns doch eigentlich mal mit den anderen zusammentun!“ Die anderen, das sind viele kleine Getränkeproduzenten aus Berlin. Die Idee war: „Es sind ja jetzt alle zu Hause. Dann müssen sie ja eigentlich auch zu Hause trinken. Dann wollen wir ihnen doch mal ganz sympathisch präsentieren, was sie denn da trinken können! Weil: Kommt von hier.“

Tatsächlich fanden „die anderen“ die Idee auch gut. Zusammen mit selo, Quartiermeister, Ostmost und Wostok wurden Supermarktklinken geputzt. Die Idee funktionierte: Sie bekamen Aufsteller, konnten ihre Getränke gemeinsam präsentieren. Und vor allem: Eine Schicksalsgemeinschaft wurde aus der Taufe gehoben, die als Netzwerk heute für Andrea unendlich wertvoll ist: „Über die letzten zwei, drei Monate hat sich da ein kurzer Draht entwickelt, der uns allen enorm hilft. Wir haben gemerkt: Wenn wir Kleinen uns nicht zusammentun, dann lachen sich die Großen ja ins Fäustchen! Irgendwie skurril, dass es unter normalen Umständen wohl nicht dazu gekommen wäre.“

Die Geschichte einer großen Liebe

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Erfunden wurde die Ände Limo allerdings eigentlich gar nicht in Berlin, sondern in Sydney. Der Ände-Legende zufolge kam das so: Andrea und ihr Freund Dominik (von dem sie meist rheinisch-charmant als „Schätzelein“ spricht) hatten sich 2013 einen kleinen Traum erfüllt und eine Reise nach Südostafrika unternommen. Irgendwann während der Reise stehen die beiden durstig im sambischen Supermarkt und Dominik sagt: „Nimm doch ein Ginger Beer, du magst doch Ingwer so gerne!“, woraufhin Andrea nur meint: „Du bist ja witzig, hast du mal auf die Uhr geguckt? Ich kann doch jetzt keinen Alkohol trinken!“ Dominik hat also Andrea erklärt, dass Ginger Beer ohne Alkohol ist, Andrea trank ihr erstes Ginger Beer und zack – große Liebe. Zurück in Deutschland dann die Enttäuschung: Vernünftiges Ginger Beer ist hierzulande nicht zu haben. 

Ein Jahr später fahren die beiden nach Australien. Im Supermarkt trifft Andrea auf ihre alte Liebe, die sofort wieder aufflammt: Ginger Beer. Jetlag sei Dank, kriegen die beiden in den ersten australischen Nächten kein Auge zu. Und was macht man, wenn man nachts in Sydney wachliegt? Andrea und Dominik jedenfalls legten damals den Grundstein für ein zukünftiges Ginger-Beer-Imperium. Dabei hatten beide beruflich nichts mit Getränken am Hut. Andrea ist studierte Juristin und arbeitet in der Seniorenpflege, Dominik leitet zu der Zeit eine Niederlassung in der Entsorgungsbranche. Den Traum vom eigenen Unternehmen jedoch hegten beide schon länger. Startkapital hatten sie angespart. Und nun war auch die Geschäftsidee da.

„Die Leute lieben Ingwer!“ fasst Andrea ihren damaligen Gedankengang zusammen. „Alle trinken Ingwertee im Winter. Was trinken die im Sommer?“ So sind Gentle Ginger und Ginger Root die ersten beiden Limos, die Ände auf den Markt bringt; das war 2016.

You can take the girl out of Mülheim-Kärlich, but you can never take Mülheim-Kärlich out of the girl

Heute sind zur milden und scharfen Variante des Ingwergetränks auch noch weitere Geschmacksrichtungen hinzugekommen. Das Konzept ist dabei simpel wie einleuchtend: Ände bringt Geschmäcker aus aller Welt in einer Bio-Limo-Variante in den heimischen Supermarkt. Israelische Nanaminze, georgische Traube und mexikanische Ananas haben mittlerweile das Sortiment erweitert.

Während die Ände-Aromen also sehr kosmopolitisch daherkommen, ist Andrea selbst im besten Sinne auf dem Teppich geblieben. Aufgewachsen in Mülheim-Kärlich, hat sie lange in Stuttgart gelebt und ist vor zehn Jahren nach Berlin gekommen. Die rheinische gute Laune hat sie mitgebracht. Ände ist für sie ein Herzensprojekt und allein die zahlreichen Wortspiele mit Ände, die man auf Postkarten in ihrem Homeoffice („Ände Gelände“) und in ihren Mails („Schönes WochenÄNDE!“) so findet, sprechen für den Spaß an der Sache. Ände ist übrigens ein Spitzname, den Andrea einst von ihrem Vater bekam. „Der Ände“, um genau zu sein.

Zu den Wirtschaftsjunioren sind Andrea und Dominik auf Empfehlung gekommen. Über einen Bielefelder Freund, der ihnen sagte: „Es gibt genau ein Netzwerk, das funktioniert. Und das sind die Wirtschaftsjunioren!“ Und davon haben sie sich dann selbst überzeugt. „Offene Menschen, die was bewegen wollen – und die sich gegenseitig unterstützen. Das finde ich genial!“

Andrea bohrt dicke Bretter – weil sie es kann

© WJD/Stephanie von Becker

Der Ände und ihr Schätzelein Dominik haben mittlerweile noch einen Dritten im Bunde ins Unternehmen geholt, Jonas. Nicht ins Unternehmen geholt haben sie Investoren, und da ist Andrea auch stolz drauf. Ände, das sind sie drei. Was Andrea aber eben auch wichtig ist, ist etwas zurückzugeben. Als Mentorin hat sie sich in den letzten Jahren bei Start-Up Your Future engagiert – ein Projekt, von dem sie schnell ins Schwärmen gerät. Zu ihrer Rolle als Unternehmerin und zu ihrem Unternehmen gehört für Andrea auch ganz selbstverständlich gesellschaftliches Engagement. 

Und was kommt als nächstes für Ände? „Ganz in Ruhe in unserem Tempo weiterwachsen. Irgendwann ein schönes Sortiment von vielleicht zehn Produkten haben. Die Wertschöpfungskette im Sinne der Nachhaltigkeit optimieren. Endlich die Gastronomie angehen und in ganz vielen Bars und Cafés auf der Karte stehen! Und dann gibt es noch solche Themen wie Gemeinwohl-Ökonomie. Verantwortungseigentum. Da sind noch ein paar Bretter zu bohren!“