Wer sichert unsere Demokratie technologisch ab?

© Cyber Innovation Hub der Bundeswehr

Im Interview erklärt Sven Weizenegger, Leiter des Cyber Innovation Hub der Bundeswehr (CIHBw), wo klassische Beschaffung an ihre Grenzen stößt, wie innovative Lösungen schneller zur Truppe kommen – und warum Start-ups, Mittelstand und Bundeswehr enger zusammenarbeiten sollten.  

Herr Weizenegger, als Leiter des Cyber Innovation Hub der Bundeswehr sollen Sie nicht weniger als die digitale Transformation der Streitkräfte vorantreiben. Ganz offen gefragt: Haben Sie gezögert, diese Mammutaufgabe anzunehmen? 

Ich habe nicht eine Sekunde gezögert. Die Geschichte erzähle ich gern: 2019 war ich in anderer Funktion im Hub zu Besuch. Und mein erster Gedanke war: „Hier will ich mal Chef sein.“ Das muss man im Kontext sehen: Ich bin Autodidakt, war 13 Jahre bei der Telekom als einer der ersten offiziellen Hacker und habe danach ein Cybersecurity-Start-up gegründet. Ich komme nicht aus dem klassischen Behördenapparat. Aber genau deshalb hat mich der CIHBw so angesprochen – das ist kein Verwaltungsjob, sondern ein Mandat, ein System zu verändern, das nicht auf Geschwindigkeit ausgelegt ist. Wenn wir es ernst meinen mit der Zeitenwende, dann braucht es Orte, die nicht verwalten, sondern vorangehen. Der CIHBw ist genau so ein Ort.  

Der CIHBw wurde 2017 gegründet und ist Europas erstes militärisches Innovationszentrum. Warum wurde dieser Hub geschaffen? 

Der CIHBw ist aus der klaren Erkenntnis heraus entstanden, dass das bestehende System Innovation nicht aus sich selbst heraus in der notwendigen Geschwindigkeit hervorbringen kann. Das sehen wir heute deutlicher denn je. Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten zeigen: Wer technologisch nicht Schritt hält, verliert. Drohnen, KI-gestützte Aufklärung und elektronische Kampfführung sind keine Zukunftsszenarien mehr, sondern Realität auf dem Gefechtsfeld. 

Vieles davon kommt nicht aus der klassischen Rüstungsindustrie, sondern aus der zivilen Tech-Welt. Gleichzeitig sind unsere Beschaffungsprozesse auf Stabilität und Risikominimierung ausgelegt, nicht auf Iteration und Geschwindigkeit. Der CIHBw schließt genau diese Lücke als das Bundeswehr-Start-up, das unkonventionelle Lösungen identifiziert, schnell testet und in die Truppe bringt. Nicht als Thinktank, sondern als operative Einheit mit Umsetzungsauftrag.  

Gibt es außereuropäische Vorbilder, an denen Sie sich orientieren? 

Natürlich schauen wir nach außen, insbesondere in die USA und nach Israel. Die Defense Innovation Unit in den USA, die israelischen Streitkräfte mit ihrer extrem kurzen Innovationsschleife vom Gefechtsfeld ins Lab und zurück – da kann man viel lernen, besonders von Israels tief verankertem Pragmatismus. 

Es geht nicht darum, ob eine Lösung perfekt ist, sondern ob sie jetzt funktioniert. In Deutschland neigen wir dazu, Dinge zu zerreden, bevor wir sie ausprobieren. Das können wir uns sicherheitspolitisch nicht mehr leisten. 

Aber man darf nichts eins zu eins kopieren. Jedes System hat eigene rechtliche, politische und kulturelle Rahmenbedingungen. Unser Ansatz ist deshalb: lernen, adaptieren, aber einen eigenen Weg gehen. Der CIHBw ist somit kein Abbild anderer Modelle, sondern eine Antwort auf eine spezifisch deutsche Herausforderung.  

Welche ist das? 

Die Trennung zwischen ziviler Technologieentwicklung und militärischer Anwendung funktioniert nicht mehr, da die meisten technologischen Durchbrüche heute im zivilen Umfeld entstehen; in Start-ups, im Mittelstand, in der Tech-Industrie. Das Problem: Diese Unternehmen sprechen eine andere Sprache als die Bundeswehr. Und die Bundeswehr kann viele Bedarfe nicht einfach als Ausschreibung auf den Markt werfen. 

Wir sind die Übersetzungsschicht. Wir nehmen ein operatives Problem aus der Truppe, formulieren es so, dass ein Software-Start-up damit arbeiten kann, und bringen beide Seiten an einen Tisch. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Denn es geht nicht nur um Sprache, sondern auch um Geschwindigkeit. Ein Start-up, das nach sechs Monaten immer noch auf eine Freigabe wartet, ist weg. Wir verkürzen diese Zyklen radikal.  

Wie machen Sie das konkret? 

Wir arbeiten eng mit der Truppe zusammen, identifizieren konkrete Probleme aus dem Einsatzkontext und matchen sie mit Technologien aus der zivilen Welt. Wir denken in Prototypen, suchen als operative Schnittstelle Lösungen oft auch außerhalb der klassischen Rüstungslogik und bringen die Ergebnisse dorthin, wo sie gebraucht werden – zu den Soldatinnen und Soldaten.  

Nicht jeder Prototyp schafft die Marktreife, das wird in der Beschaffung nicht anders sein, oder? 

Absolut. Und das ist auch richtig so. Wir brechen Projekte bewusst ab, wenn sie keinen Mehrwert liefern. Lieber nach acht Wochen ehrlich sein als nach drei Jahren feststellen, dass es nicht funktioniert. 

Das ist in der zivilen Wirtschaft selbstverständlich, im militärischen Kontext war das lange undenkbar, weil jedes eingestellte Projekt als Versagen gewertet wurde. Dieses Denken ändern wir. Bei uns gilt: Schnell lernen, schnell anpassen, Ressourcen auf das konzentrieren, was funktioniert. Das ist kein Scheitern, das ist Methode.  

Kommen innovative Technologien bereits bei den Streitkräften an? 

Ja, und das ist entscheidend für unsere Glaubwürdigkeit. Wir haben in den letzten Jahren Projekte umgesetzt, die in der klassischen Beschaffung Jahre gebraucht hätten: Drohnenabwehr, KI-gestützte Lagebilderstellung und Software-Tools, die Führungsprozesse digitalisieren. 

Der Erfolg misst sich für uns nicht an der Anzahl von Konzepten oder Studien, sondern daran, ob sich für Soldatinnen und Soldaten im Einsatz konkret etwas verbessert. Wir sehen, dass unsere Ansätze in der Truppe ankommen und einen echten Unterschied machen. 

Man muss dabei ehrlich sein: Klassische Beschaffung bleibt weiterhin ein langfristiger Prozess, teilweise über Jahre und Jahrzehnte. Unser Ansatz ersetzt das nicht, er ergänzt ihn.  

Es gibt in der jungen Wirtschaft Unternehmer:innen, die beim Thema Bundeswehr und Rüstung zunächst zurückschrecken. Was würden Sie diesen gern sagen? 

Ich verstehe die Vorbehalte, auch wenn ich selbst nie welche hatte. Denn ich komme auch aus einer Welt, in der Sicherheit und Technologie schon immer zusammengedacht wurden. 

Bei der Frage der Zusammenarbeit geht es um eine grundsätzliche Frage: Wer sichert unsere Demokratie technologisch ab? Wenn sich die besten Köpfe nicht damit beschäftigen, tun es andere. Und die haben nicht unbedingt unsere Werte. 

Zudem haben viele Technologien, an denen wir arbeiten – von Logistik über Kommunikation bis hin zu Softwarelösungen – einen klaren Dual-Use-Charakter. Ein Beispiel: Ein Start-up arbeitet vielleicht an einer KI-Lösung für Supply-Chain-Optimierung. Raten Sie mal, wer auch eine Supply Chain hat? Die Bundeswehr. Eine der komplexesten der Welt. 

Allen Interessierten möchte ich daher sagen: Wir bieten einen niedrigschwelligen und schnellen Zugang mit klarem Fokus auf Umsetzung. Kein jahrelanger Vergabeprozess, sondern ein Gespräch, ein Prototyp, ein Test.  

Wenn wir fünf Jahre nach vorn blicken: Wie sieht Ihre Vision für die Zusammenarbeit von Bundeswehr, Start-ups und Mittelstand aus? 

In fünf Jahren sollte diese Zusammenarbeit kein Sonderfall mehr sein, sondern Normalität. Ich sehe eine Realität, in der Start-ups und Mittelstand selbstverständlich mit der Bundeswehr zusammenarbeiten. Schnell, vertrauensvoll und ohne dass Unternehmerinnen und Unternehmer dafür erst drei Vergabehürden nehmen müssen. 

Die Bundeswehr wird stärker in Netzwerken denken, nicht nur in Hierarchien. Innovation wird nicht mehr punktuell stattfinden, sondern kontinuierlich. Der CIHBw bleibt dabei das, was er heute schon ist: ein Impulsgeber, ein Übersetzer und ein Beschleuniger. 

Oder, um es auf den Punkt zu bringen: Wir sorgen dafür, dass gute Ideen nicht an Prozessen sterben. 

Sven Weizenegger leitet seit 2020 den Cyber Innovation Hub der Bundeswehr. In seiner Rolle agiert er als Chef-Transformator und Mittler zwischen zivilem und militärischem System.  

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