Junge Wirtschaft im Gespräch mit Lars Hinrichs: Vertrauen in die Zukunft

© York Hovest

Lars Hinrichs möchte eigentlich gar nicht über Vergangenes reden – das macht er gleich zu Beginn des Gesprächs klar. Der 44-jährige Hamburger baut gerade ein Museum für digitale Kunst in seiner Heimatstadt und ist ohnehin nie um eine Geschäftsidee verlegen. Auf die Frage nach dem Siezen oder Duzen entgegnet er, als Ältester in der Runde obliege es ihm, uns das Du anzubieten.

Kristina: Lars, kannst Du gut loslassen?

Das übe ich. Jeden Tag. Als Unternehmer liebt man ja das, was man tut, und man gibt Liebe ungern auf. Insofern ist Loslassen ein anderes Lebenskonzept. Aber ich übe das, ich übe es sogar vermehrt. Gerade jetzt beim Museum habe ich gesagt: Ich begleite es so weit, bis ich ein operatives Team habe und dann mach ich fast nichts mehr. Wir haben jetzt einmal die Woche ein großes Team-Meeting und da bin ich auch gerne dabei – aber der gesamte Rest wird jetzt von der Firma gemacht. Und das finde ich extrem entspannend.


Sebastian: Musstest Du das lernen?

Nein. Ich habe mir einfach gesagt: Bei der nächsten Firma mache ich es sofort. Jetzt habe ich natürlich schon wieder zwei neue Geschäftsideen und
überlege mir de facto, wer diese Firma aufbaut. Dass ich sogar das Aufbauen nicht mehr selber mache, sondern es delegiere, ist eine neue Erfahrung.


Sebastian: Aber ist das nicht auch schwer? Du wirst ja sicherlich eine Vorstellung davon haben, wie das Unternehmen sein soll, wenn es fertig ist. Findet man denn jemanden, der es genau nach den eigenen Vorstellungen aufbaut? Oder akzeptierst Du, dass es ein bisschen anders wird?

Das löst man, indem man gute Leute einkauft. Auch bei der Museumsfirma jetzt habe ich es so gemacht: Bis auf die Geschäftsführung, die kannte ich, haben wir alle über Headhunter rekrutiert. Ich brauche die richtigen Leute, denn auf diesen Aufbau – quasi „from scratch“ – habe ich keine Lust mehr. Das macht zwar Spaß, aber ich bin alleinerziehender Vater, was auch noch ein paar andere Konsequenzen hat. Und nebenbei habe ich noch Aufsichtsratsposten. Das war bei mir eigentlich auch schon immer so: Ich möchte immer mehrere Sachen gleichzeitig und sofort – dafür aber von anderen Leuten gemacht, statt alles nacheinander selbst zu machen.


Kristina: Was würdest Du sagen, ist die Grundvoraussetzung dafür, dass Du loslassen kannst? Dass Du den Leuten vertraust, an die Du übergibst?

Vertrauen ist die Grundlage, egal welches Unternehmen du hast – von ganz klein, selber gebaut, bis hin zum Aufsichtsrat in einer börsennotierten
Firma. Ohne Vertrauen geht es nie. Ich glaube aber, Deine Frage geht einen Schritt weiter und lautet eigentlich: Vertraust Du Leuten, dass sie besser
sind als Du? Und das hatte ich immer schon! Ich hatte schon immer super Leute in meinen Firmen – deswegen sind sie so groß geworden. Und wenn du als Grundvoraussetzung akzeptierst, dass andere Leute besser sind als du und dann die Frage beantworten musst, was das Beste für die Firma ist, dann ist die Antwort: Man muss sich selbst überflüssig machen.


Sebastian: Im Jahr 2003 hast Du die Open Business Club GmbH gegründet, die das Netzwerk OpenBC betrieb – später unter dem Namen Xing bekannt. Sechs Jahre später bist Du zunächst von der Geschäftsführung in den Aufsichtsrat gewechselt und hast das Unternehmen dann kurze Zeit später verkauft. Ist es Dir schwergefallen, Xing loszulassen?

Ich hab Xing ja an die Börse gebracht, bis in den TecDax, bin anschließend in den Aufsichtsrat gewechselt und habe dann einen Großteil meiner Aktien verkauft. Was ich dann getan habe, war, eine Übergabe zu machen mit Listen. Listen, in denen ich aufgeführt habe, was ich richtig und was ich falsch gemacht habe. Lange Listen. Und die bin ich dann mit meinem Nachfolger durchgegangen. Dann habe ich zu ihm gesagt: ‚Ab sofort machst Du das jetzt und ich gehe auf Weltreise‘. Denn nur wer Abstand hat, kann loslassen. Aber richtig loslassen konnte ich tatsächlich erst, als ich meine Anteile verkauft und dann – in einem für mich logischen Schritt – auch mein Aufsichtsratsmandat niedergelegt habe. Ich finde, da muss es einen klaren Cut geben, so dass der Nachfolger auch die Freiheit hat, seine eigenen Fehler machen zu können und seine eigenen Erfolge zu feiern.


Sebastian: Wenn Du jetzt vor einer Schulklasse stehen würdest, was würdest Du denen sagen: Warum sollte man Unternehmer oder Unternehmerin werden?

Weil das die beste Lernkurve des Lebens ist. Und man kann immer das machen, worauf man selber Lust hat. Unternehmertum ist die beste Alternative zu allem – für die Leute, die unternehmerisch ticken. Ich glaube nicht, dass man Unternehmertum lernen kann. Deswegen funktionieren in meinen Augen auch oft die Übergaben auf die nachfolgende Generation in Familienunternehmen nicht. Weil nicht alle so ticken, dass sie mehr Chancen sehen als Risken. Oder damit umgehen können, dass man nur einen Plan A hat und wenn der nicht funktioniert, man einen neuen Plan A braucht. Dass man alles lösungsorientiert betrachtet statt problemorientiert.


Kristina: Gehört zum unternehmerischen Denkmuster auch, loslassen zu können?

Ja, denn Loslassen bedeutet, quasi in die Zukunft zu vertrauen. Das ist etwas, das kann man einfach nur versuchen. Wenn man es nicht versucht, verliert man Zeit und wird langsam und irgendwann wird man scheitern. Aber wir sind politisch und privat eben sehr von einer Frage geprägt: Was ist, wenn es schief geht? Wer übernimmt die Verantwortung? Und gelobt wirst du nur, wenn du Erfolg hast. Nicht für den Versuch. Deshalb brauchen wir Leute, die vertrauen.