Gesichter der jungen Wirtschaft: Jenny Riedel

Die Unaufhaltsame

Jenny Riedel musste in ihrem Leben schon so manche Hürde meistern. Doch das scheint ihr gar nichts auszumachen: Wenn das Leben ihr eine Hürde hinstellt, dann nutzt sie die eben als Sprungbrett.

© Andreas Herz

Sie weiß selbst nicht mehr, wie oft sie diese Geschichte schon erzählt hat. Aber da sie so schön ist, soll sie auch hier nochmal erzählt werden: Jenny Riedels Erfolgsgeschichte, die Geschichte von Mobile Office Management, beginnt bei einer Massage. „Wir haben uns über Buchhaltung als Dienstleistung unterhalten. Sofort kam mir der Gedanke: Sowas könntest du doch eigentlich auch machen!“ Das war der Moment, in dem aus Jenny Riedel eine Unternehmerin wurde – eine Entwicklung, die einerseits auf der Hand lag und andererseits so gar nicht abzusehen war. Aufgewachsen ist Jenny Riedel in Ost-Berlin. Ihr Vater ist Alleinunterhalter, ihre Mutter eine Zeit lang selbstständig, dann später angestellt im Vertrieb tätig und nun Pflegemutter dreier Pflegekinder. Ihre acht Jahre ältere Schwester ist im Einzelhandel tätig.

Prägende Jahre

Überschattet wird ihre Kindheit von einer angeborenen Lungenkrankheit. Lange Krankenhausaufenthalte, ja sogar mehrwöchige Reisen bis nach Jugoslawien zur Kur muss Jenny bereits als Kleinkind ganz allein überstehen, Elternbegleitung ist damals nicht vorgesehen. „Nach einer Kur, da war ich drei, habe ich einfach aufgehört, mit meinen Eltern zu sprechen. Ich konnte schon sprechen. Aber ich wollte nicht mehr. Sowas macht ja auch was mit einem Kind!“ Einerseits, sagt Jenny heute, sei sie durch diese Erfahrung extrem selbstständig geworden. Andererseits mag sie, die heute selbst Mama eines Pflegekindes ist, gar nicht darüber nachdenken, was dieses Alleinsein eben auch angerichtet hat.

Trotz aller Schwierigkeiten, die die Krankheit mit sich bringt – etwa lange Fehlzeiten und ständig verpassten Schulstoff nachholen zu müssen – schafft Jenny Riedel ihr Abitur, ohne auch nur ein einziges Jahr wiederholen zu müssen. Und findet sogar noch Zeit, nebenher eigene Projekte auf die Beine zu stellen. Sie hat ein Händchen dafür, Dinge zu organisieren, sei es die Klassenfahrt oder den „internen Rosenversand“ zum Valentinstag in ihrer Schule: Die Rosen, die sie mit ein paar Freunden günstig aus dem Großmarkt besorgt, können von den Mitschülern mit einem Gruß personalisiert und dann innerhalb der Schule an die richtige Person zugestellt werden. Das Geld, das sie dadurch erwirtschaften können, spenden sie.

Nach mehreren solchen Projekten willigt der Schulleiter ein, dass Jenny einen „Muko-Tag“ durchführen darf: Mit Vorträgen über Mukoviszidose für die Oberstufenschüler am Vormittag und großem Hoffest am Nachmittag, mit Unterstützung von einem beliebten Radiosender und einem Blitzerwagen der Polizei als Attraktion – und natürlich einer Spendenaktion. „Ich war schon immer sehr engagiert und vorneweg“, sagt Jenny heute.

© Andreas Herz

Mutig sein – aber nie unvernünftig

Jenny Riedel macht, was sie will. Das funktioniert unter anderem deshalb so gut, weil sie sich im Zweifelsfall von der Stimme der Vernunft leiten lässt. So sah der Plan nach dem Abi eigentlich ein Studium vor, den Platz für ein Lehramtsstudium hatte sie auch schon sicher. Doch dann kommen Jenny Zweifel. Mit 15 hatte sie angefangen, nebenbei zu jobben, mit 18 war sie von zu Hause ausgezogen, stand bereits finanziell auf wackeligen Beinen – wie sollte das mit einem Studium vereinbar sein? Also wählt sie die aus ihrer Sicht vernünftigere Variante und macht eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation. „Erstmal eine Grundlage schaffen. Studieren kannst du immer noch“, sagte sie sich damals.

Obwohl sie die Ausbildung erfolgreich abschließt, kommt ihr plötzlich ihre Krankheit in die Quere. Ein Schwerbehindertenstatus bringt bei einer Anstellung bürokratische Hürden und Herausforderungen mit sich, die nicht jedes Unternehmen auf sich nehmen will. Doch Jenny Riedel beißt sich durch, wird schließlich kaufmännische Assistentin in der Personalentwicklung eines FM-Unternehmens und später Partnersekretärin in einer Steuer- und Wirtschaftskanzlei. Sie mag den Job, doch im Hinterkopf spukt auch immer die Möglichkeit herum, sich selbstständig zu machen. Es fehlt schlicht die zündende Geschäftsidee. Und dann passiert der magische Massage-Moment.

Noch in derselben Nacht skizziert Jenny Riedel ihre Business- Idee und entwirft ein Logo. Sie wird ihre Selbstständigkeit ganz behutsam aufziehen, zunächst als Nebentätigkeit neben ihrer Festanstellung. Mobile Office Management heißt ihr Unternehmen, kurz MOM. „Wir sind tatsächlich ein bisschen wie Muttis“, scherzt sie und beteuert: „Das Wortspiel im Namen war wirklich keine Absicht!“ Für ihre Kunden übernehmen Jenny Riedel und ihr Team sämtliche Office-Management- Aufgaben: E Mails formulieren, Anrufe annehmen, Reiseorganisation und -abrechnung, vorbereitende Buchhaltung. In Anspruch nehmen den Service vor allem Einzelunternehmer
und kleine Unternehmen, für die ein eigenes Office Management nicht wirtschaftlich wäre oder ein solches nur projektbezogen brauchen. Anrufer merken im Idealfall nicht, dass sie gar nicht mit der Sekretärin eines Geschäftspartners in Köln oder München verbunden sind, sondern mit dem Team von MOM in Oranienburg.

Verantwortung übernehmen, für sich und für andere

Nach einigen Jahren zunächst im Home-Office und später im „Blauen Wunder“ – dem heutigen Technologiepark – in Hennigsdorf haben Jenny Riedel und ihre Mitarbeiter hier seit März 2014 ihren Kunden den Rücken freigehalten. Anfang diesen Jahres haben sie nun im Herzen Oranienburgs die neuen
Räumlichkeiten bezogen Die Räume sind nun endlich an ihre Bedürfnisse nach einem eigenen Büro und die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter angepasst, die alle mit einem Handicap leben. Jenny Riedel war immer klar, dass sie Menschen mit Behinderung einstellen will – und empfindet sich selbst als prädestiniert dafür: Sie kennt sich mit der dazugehörigen Bürokratie aus, hat Verständnis für ihre Mitarbeiter und ihre Besonderheiten. Und sie weiß: Jeder braucht Menschen, die an einen glauben – dann kann man fast alles erreichen.

Eine Erfahrung, die sie selbst auch gemacht hat. Als Jenny im Familien- und Freundeskreis zu Beginn von ihrer Gründungsidee erzählte, hatte niemand einen Zweifel daran, dass sie das schaffen kann. Im Gegenteil: „Jeder, dem ich davon erzählt habe, hat gesagt: Wenn es eine schaffen kann, dann du!“ Das hat ihr Selbstvertrauen gegeben. Heute weiß sie selbst sehr genau um ihre Stärken: „Wenn es mir an etwas nicht fehlt, dann Umsetzungsvermögen, Fleiß, Ideen und auch das nötige
Köpfchen an der ein oder anderen Stelle. Das sind eigentlich optimale Grundvoraussetzungen.“

Ich war schon immer sehr engagiert und vorneweg.

Jenny Riedel

Geschäftsführerin von Mobile Office Management

Auch auf der politischen Bühne vertreten

Eine weitere Stärke: Wenn Jenny Riedel sich etwas in den Kopf setzt, findet sie immer einen Weg, das auch durchzusetzen. Beim Know-how-Transfer 2017 wurde ihre Leidenschaft für Politik geweckt. Also kandidierte sie kurze Zeit später bei der Wahl zur IHK-Vollversammlung, dem Parlament der regionalen Wirtschaft. Und wurde gewählt. Auch dank eines extrem professionell gestalteten und gleichzeitig augenzwinkernden Wahlkampfflyers, wie sie erzählt: „Wie in einem amerikanischen Wahlkampf. Die IHK hat sich amüsiert“.

Zu den Wirtschaftsjunioren kam Jenny Riedel über Philipp Gall, der bei der IHK Potsdam das RegionalCenter Oberhavel leitet und Kreisgeschäftsführer der WJ Oberhavel ist; die beiden kannten sich aus dem Unternehmernetzwerk „Netzwerk Nord“. Er hat sie zu den Wirtschaftsjunioren mitgenommen und es war Liebe auf den ersten Blick: „Ich war da und hab sofort gesagt: Was ist denn das für eine geile Truppe? Mega! Hier bleib ich.“ Sie hat sich gleich eingebracht und war schnell integriert. „Man arbeitet als Unternehmer partnerschaftlich und auf Augenhöhe an Projekten. Aber nicht nur das: Es sind auch Freundschaften entstanden, die ich nicht mehr missen möchte.“

Nebenbei engagiert sich Jenny noch im Unternehmensnetzwerk BNI und bei der IHK als ehrenamtliche Prüferin und im Bildungsausschuss. Warum sie das alles tut? Weil es ihr Spaß macht. Und aus einer tiefen Überzeugung: „Wer gibt, gewinnt!“ – das ist der Slogan des Unternehmensnetzwerkes BNI.